Städtische Handelsschule Jülich : Klassentreffen nach 70 Jahren

Städtische Handelsschule Jülich : Klassentreffen nach 70 Jahren

Mit 84 Jahren, da fängt das Leben zwar nicht an, aber was ebenso gut ist, man steht mitten drin. Diesem Eindruck konnte sich kaum jemand entziehen bei Betrachtung der im Restaurant „Einhorn“ versammelten eleganten Damen und gut gelaunten Herren, welche allesamt im Jahre 1934 geboren und 1948 an der Städtischen Handelsschule Jülich eingeschult wurden.

Einer Einladung ihrer einstigen Klassensprecherin, Renate Heck-Stodt, zur Feier des ersten Schultages an der weiterführenden Schule vor 70 Jahren konnten 13 der 30 ehemaligen Schüler folgen. Einige fehlten aus familiären oder gesundheitlichen Gründen, zwei der Ehemaligen sind inzwischen verstorben.

„Die erste Zeit haben wir uns gar nicht getroffen“, erinnerte sich eine der Anwesenden, „wir waren wohl mit der Gestaltung unseres Lebens zu sehr beschäftigt“. Später trafen sie sich regelmäßig, zuletzt vor vier Jahren.

Beim aktuellen, bereits zehnten Treffen wurden die Erinnerungen an die Schultage wie immer und wie selbstverständlich wieder lebendig. Nach einem Leitspruch von Johannes Hoogen, „das waren noch Zeiten“, flossen die Geschichten aus der Schulzeit, in der „Schüler nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten hatten“, ungezwungen in die Runde.

„Wir waren brave Schüler“, sagte Heck-Stodt, „und zwar nicht, weil wir Angst hatten, sondern viel mehr aus Respekt vor den Lehrern“. Sie alle erinnerten sich lebhaft an „Herrn Direktor Langen“, dem sie den Kosenamen „Gries“ verliehen. Stets mit einem weißen Kittel bekleidet, verteilte er nicht selten in Algebra seine Lieblingsnoten: Fünf bis Sechs minus. Als eine Klassenkollegin wieder mit einem „Setzen, Fünf“ aus der Abfrage entlassen wurde, wagte Heck-Stodt diese Entscheidung des strengen Lehrers laut zu kritisieren. Sie ergriff das Wort als Klassensprecherin und behauptete, dass „ihre Kollegin die richtige Antwort ganz gewiss wisse, doch vom Herrn Direktor eingeschüchtert, kein Wort herausbringen könne“. „Ich werde es niemals vergessen“, erzählte sie, „der Direktor ist im Gesicht rot geworden und sagte, ich solle Rechtsanwältin werden“.

Diesem Rat ist sie nicht gefolgt, und wie fast alle ihre Klassenkollegen bestritt sie den beruflichen Werdegang im kaufmännischen Bereich. Es sei eine gute, praxisorientierte Ausbildung gewesen, heißt es von allen Anwesenden. Als Absolventen der Handelsschule in Jülich fanden sie sofort einen Anschluss an das Berufsleben. Viele wählten das Bankwesen für sich aus, wo jedoch eine weitere Lehre lediglich für „die Jungs“ vorgesehen war. Die Mädchen mussten damals nach einer neunmonatigen Anlernzeit mit ihren Aufgaben zu Recht kommen. „Wir durften keine Lehre zur Bankkaufrau machen“, berichtete eine Ehemalige, „es hieß, wir werden ja sowieso heiraten und Kinder bekommen“.

In einem Punkt sind sich jedoch alle einig – sie bereuten es nie, diese Schule gewählt zu haben. Sie sprechen gerne von ihrer Wertschätzung für die Leistungen der damaligen Lehrer und zollen deren Motivationsgabe bis heute den höchsten Respekt. Dass ihre einzige Klassenfahrt nicht nach Hamburg, Paris oder Rom führte, wird mit einem nostalgischen Lächeln quittiert. „Es war schon anders als heute“, erläuterte Heck-Stodt, „wir sind nur einmal zum Rudern nach Schevenhütte gefahren“. Doch es war ein schöner Ausflug, und weil es gleichermaßen gemeinschaftlich wie bescheiden war, sei es für sie „genau das Richtige“ gewesen, hieß es wieder einvernehmlich von den Ehemaligen der einstigen Städtischen Handelsschule in Jülich.