Jülich: Kinder lernen das alte Ende Jülichs kennen

Jülich : Kinder lernen das alte Ende Jülichs kennen

„Früher war Jülich hier zu Ende. Auf dem Stadttor konnte man gucken, wer hier rein und raus geht “, erklärte Dr. Christoph Fischer 30 Kindern, die am bundesweiten Vorlesetag „der ganz besonderen Art“ teilnahmen. Auf Vorschlag der Lesepaten der Stadtbücherei war nämlich der Hexenturm als außergewöhnlicher Veranstaltungsort ausgewählt worden.

Wegen der Brandschutzvorschriften hatten Büchereileiterin Birgit Kasberg und ihr Team die Kinder in zwei Gruppen aufgeteilt. Die älteren Teilnehmer aus Gruppe zwei wurden in die Turmkammer hinauf geführt. Dort lasen Edda Koch und Jutta Dahmen nach einer Einführung in die Geschichtensammlungen der Gebrüder Grimm im passenden Ambiente „Rapunzel“ — mit entsprechenden Accessoires aus einer „Tasche voller Überraschungen“. Im Gepäck hatten sie etwa Rapunzelsalat oder einen selbst geflochtenen langen Zopf, den sie allerdings nicht durch die Schießscharten des Nordturms an den Bruchsteinen hinunter ließen.

Im Kaminzimmer eine Etage tiefer trugen Berti Ritschel, Helga Dreßen, Ursula Lessar und Praktikantin Sarah Aretz ebenfalls mit entsprechenden Accessoires für Gruppe eins „Hans im Glück“ vor. Erwähnenswert ist, dass einige Kinder die Märchen der Brüder Grimm zuvor nicht kannten, dafür aber etwa die Disney-Verfilmung „Rapunzel — neu verfönt“ im Kino angeschaut hatten. Highlight für alle Teilnehmer schien die anschließende Führung mit dem „Experten“ Fischer durch das Innere des Hexenturms und an seinen Außenmauern entlang zu sein.

Mit Spannung wurde bereits die Öffnung der schweren Eisentür durch „Schlüsselfrau“ Kirsten Müller-Lehnen erwartet. Gerne boten Kinder hierbei ihre Hilfe an. Einige begleitende Eltern schienen durchaus enttäuscht, wegen der Enge im Jülicher Wahrzeichen nicht an Lesung und Führung im Turm selbst teilnehmen zu dürfen. Rege beteiligten sich die Kids an Mutmaßungen nach Alter und Zweck des Hexenturmes und bombardierten Fischer bereits vor Beginn seiner Ausführungen mit Fragen.

Altes Toilettenhäuschen

„Die Stadt Jülich sah noch ganz anders aus, aber die Straße, die in die Stadt reinführte, gab es auch schon vor 700 Jahren“, deutete Fischer vom Ausstellungsraum aus auf die römischen Pflastersteine stadteinwärts. Der Renner im allgemeinen Interesse war das Toilettenhäuschen des ehemaligen Gefängnisses des Haupt- und Kriminalgerichts des Herzogtums Jülich, dessen Öffnung von der Außenseite des Nordturms noch zu sehen ist. „Wer damals hier vorbei kam, konnte schon mal was auf den Kopf kriegen“, so Fischer.

Mit ausgestreckten Armen veranschaulichte er etwa unter dem Torbogen die Position des einstigen Fallgatters, erklärte das Relief in der Tordurchfahrt, das an das Landsturm-Infanterie-Bataillon VIII/19 erinnert, oder wies auf einen vermauerten „Grabstein aus römischer Zeit“ im Außenmauerwerk der Stadtseite hin. Gemessen am großen Interesse der Teilnehmer würden mit Führungen gekoppelte Veranstaltungen im Hexenturm weiterhin begeistert angenommen.

(ptj)