Jülicher Weltkriegs-Geschichte jenseits der Geschichtsbücher

100 Jahre Waffenstillstand 1918: Eine Jülicher Weltkriegsgeschichte

Zu behaupten, dass der Erste Weltkrieg das Leben der Menschen verändert hat, wäre fast so wenig aussagekräftig wie die Feststellung, dass es nachts in der Regel dunkler ist als am Tag.

Der Krieg, der am Sonntag vor 100 Jahren mit dem Waffenstillstand von Compiègne endete, hat Elend und Tod in einem Maß über die Menschheit gebracht, das bis dahin nicht bekannt war.

In dieser Zeit ist aber so viel mehr passiert als das, was heute in den Schulgeschichtsbüchern zu lesen ist. Zu finden ist das unter anderem in der Geschichte des Soldaten Hilmar Liebmann, der aus Thüringen stammte, sich während des Kriegs in Jülich verliebte und später hier sesshaft wurde.

Er zog damals voller Überzeugung in den Krieg für das deutsche Kaiserreich gegen Frankreich. Davon berichtet er seiner Familie und seiner Angebeteten, die noch während der Kriegsjahre seine Frau wurde, in vielen Feldpostkarten. „Er sagt zum Beispiel, dass er sicher ist, dass man mit dem ‚Lumpenpack der Franzosen‘ fertig wird“, sagt der Jülicher Historiker Alexander von den Benken. Er hat die Feldpostsammlung Liebmanns analysiert und festgestellt, dass der Krieg eine besondere Rolle spielt. Die Sammlung, die vor rund 20 Jahren auf dem Gut Kartaus gefunden wurde, ist heute im Besitz des Museums Zitadelle.

Dass der Krieg in der Feldpost immer weniger Erwähnung findet, obwohl das Kriegselend immer schlimmer wird, sei nicht ungewöhnlich, betont von den Benken. „Viele Soldaten haben damals in einer Art Parallelwelt gelebt und damit eine Schizophrenie entwickelt“, sagt der Mann, der gerade an der Universität Bonn an seinem Doktortitel arbeitet. Dafür ist der 26-Jährige, der am Gymnasium Zitadelle das Abitur gemacht hat, nach Stuttgart gezogen, weil die Porsche AG im Mittelpunkt seiner Arbeit steht.

Die im Krieg aufgebaute Parallelwelt sei eines der typischen Phänomene. In seinen Karten an Paula Engels aus Broich schreibt er zu Beginn viel vom Krieg, er erwähnt, dass er Kameraden sterben sieht, wie oft er im Dreck liegt. Im Verlauf aber ändert sich der Krieg, und der Inhalt von Liebmanns Post. Bekannt ist, dass bei vielen Soldaten die Euphorie und der Glaube an die deutsche Überlegenheit einer Ernüchterung weicht. Die verarbeitet der Mann aus Thüringen, indem er den Krieg immer weiter aus der Korrespondenz mit der Heimat verdrängt. Stattdessen ist die Post der Raum, in der Liebmann sein Familienleben führt. Zu Beginn redet er seine Verehrte mit ‚sehr geehrtes Fräulein Engels‘ an.

Mit Fotoausrüstung unterwegs: Hilmar Liebmann hat im August 1915 das Bild eines Mörsergeschützes an seine Eltern geschickt. Foto: Museum Zitadelle

Der Unteroffizier aus Hüttensteinach hat offenbar auf dem Weg gen Westen in Jülich Station gemacht und dabei sein Herz verloren. Die frische Liebe wächst in der Feldpost weiter. Das, was Paula Engels ihm geantwortet hat, ist offenbar nicht mehr überliefert. Mitte 1916 wird die Ansprache persönlicher. „Liebes Fräulein Paula“, schreibt er. Und im Oktober 1917 schließlich „liebes Frauchen“. Auf einem Fronturlaub haben sie offenbar geheiratet, das Fräulein Paula von der Broicher Mühle und Hilmar, der zum Feldwebel Beförderte.

„Die Feldpost hat damals eine sehr große Rolle gespielt. Sie war quasi die SMS von vor 100 Jahren“, sagt von den Benken. Das Kaiserreich habe sehr genau darauf geachtet, dass die Feldpost funktioniert. In drei Tagen konnte sie, vom östlichen Ende des Reichs losgeschickt, den Westen erreichen. Kommunikation in dieser Häufigkeit hat es bis dahin nicht gegeben. Mental verkleinerte sie die Distanz zwischen Front und Heimat. Viele Soldaten sind so wie Liebmann für einige Momente aus dem Krieg geflohen.

Neu war auch die Mobilität. Aus der Schule bekannt ist der Schlieffenplan, der vorsah, zuerst schnell Frankreich zu unterwerfen, bevor sich das Kaiserreich um das große, träge Russland kümmert. Grundannahme war die neue Geschwindigkeit, mit der das Reich Truppen verlegen konnten, dank der schnell ausgebauten Bahn. So schnell wie kein zweites Land. „Für viele Menschen war die Fahrt an die Front die erste große Reise ihres Lebens“, sagt von den Benken. „Das stark ausgebaute Bahnnetz hat den Horizont der Menschen damals verschoben.“

Der Jülicher Historiker Alexander von den Benken. Foto: Alexander von den Benken

Das galt auch für Liebmann, dem es so passieren konnte, dass er aus seiner Heimat nach Jülich verlegt wurde. Einstmals weit entfernte Orte waren plötzlich nicht mehr eine Abenteurerreise weit entfernt, sondern nur noch eine längere Bahnfahrt. Das Ehepaar Liebmann ist nach dem Krieg – Hilmar wurde erst ein Jahr nach Kriegsende aus dem Militärdienst entlassen – in Jülich sesshaft geworden.

In einer Postkarte, die ebenfalls erhalten ist, grüßt Liebmanns Bruder die „Kartäuser“. Die Familie lebte auf Gut Kartaus, da, wo später auch die Feldpostsammlung gefunden wurde. Wie sehr sich das Leben verändert hatte mit Post und Bahn, wurde damals und wird auch heute noch von der Urkatastrophe des 1. Weltkriegs überlagert. Alltagsgeschichten wie die der Liebmanns erzählen aber noch so viel mehr.

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