Jülich: Jülicher Sonnenfeuer: Experiment nach 26 Jahren beendet

Jülich : Jülicher Sonnenfeuer: Experiment nach 26 Jahren beendet

Energie aus Wasser und Gestein zu erzeugen, davon träumen weltweit viele Wissenschaftler. Praktisch überall verfügbar und unerschöpflich, könnte das mittels Kernfusion gelingen. Die Forschung nach einer solchen neuen und vermeintlich ebenso sauberen wie sicheren Primärenergie begann vor mehr als drei Jahrzehnten im Forschungszentrum Jülich an einem Großgerät mit Namen Textor. Das hat es nun hinter sich — buchstäblich.

Es wurde abgeschaltet, nachdem es in der über 600 Tonnen schweren Anlage exakt 121.007-mal gelungen war, mehr als 10 Millionen Grad heißes Plasma zu erzeugen. Viele Wissenschaftler und Beschäftigte des Forschungszentrums waren an Aufbau und Betrieb beteiligt.

Symbolisch legen Prof. Ulrich Samm (l.) und zweite Institusdirektor Prof. Christian Linsmeier den Schalter von Textor um.

„Achtung, der letzte Schuss steht an.“ Operateur Robert Habrichs drückt im Überwachungsraum am Institut für Plasmaphysik einen Schalter, ein lautstarker Hupton ertönt, gespannt verfolgen Wissenschaftler, Ingenieure und Gäste ein sich an Lautstärke aufbauendes Geräusch. Auf einem überdimensionalen Monitor ist ein hellgrelles Licht erkennbar, dass sich in zehn Sekunden zu einem Kreis schließt. Es ist jenes über zehn Millionen Grad heiße Plasma, das im Innern von Textor mit Hilfe einer Kernfusion erzeugt wird und die letzten Daten für die Jülicher Wissenschaftler liefert. Der Schuss ist der Moment, in dem die beiden Atomkerne aufeinanderprallen.

Applaus brandet auf, der den Ingenieuren um Professor Ulrich Samm gilt, die 30 Jahre lang in der Materialforschung die Grundlagen schufen, um vielleicht in einigen Jahrzehnten umweltfreundliche und sichere Kraftwerke zu betreiben, die nach dem Prinzip des Sonnenfeuers Energie gewinnen.

„Textor hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir heute wissen, wie die Fusion funktioniert“, erklärte Ulrich Samm in einer kleinen Ansprache vor Mitarbeitern und Gästen. Er war sichtlich bewegt wie auch Robert Habrichs, der seit 1987 zigtausend Mal den Schalter drückte und mit Kollegen anschließend fasziniert beobachtete, wie zehn Sekunden lang im Textor ein „Sonnenfeuer“ brannte.

Gelingt es, die Kernfusion, also das Verschmelzen von Atomkernen, für die Energiegewinnung zu nutzen? Diese Frage wollen Wissenschaftler beantworten. Denn dann stünde der Menschheit eine nahezu unerschöpfliche Energiequelle zur Verfügung. Wasser und das im Gestein enthaltene Lithium liefern die Brennstoffe der Fusion: die Elemente Deuterium und Tritium, deren Atomkerne im Millionen Grad heißen Plasma verschmelzen.

Aber welche Materialien widerstehen diesen Hitzegraden? „Nicht nur dies, sie müssen auch im Dauerbetrieb halten“, sagte Institutsleiter Samm und erklärte, dass Textor gerade deshalb gebaut wurde, um die Wechselwirkungen zwischen Plasma und Brennkammerwand zu studieren.

Die in Jülich gewonnenen Erkenntnisse wurden weltweit übernommen, denn die Ingenieure schafften es, dass über 10 Millionen Grad heiße Wasserstoff-Plasma mittels einer Strahlungskühlung auf eine Temperatur zu bringen, der die Wandmaterialien standhalten.

Das ermöglichte die Beschichtung mit Wolfram, einem Metall, das einen Schmelzpunkt von 3422 Grad hat. „Jetzt müssen wir es schaffen, in einen Dauerbetrieb zu kommen“, blickt Samm nach vorn. Das soll in einem neuen Fusionsreaktor geschehen, der bis 2020 in Frankreich in Betrieb gehen soll.

(hfs.)