Jülicher Pogromgedenken mit aktueller Note

Das Pogromgedenken ist ziemlich aktuell : Konsequenzen aus Halle ziehen

„Kristallnaach“ heißt ein Lied der Kölsch-Rockgruppe BAP von 1982. Bereits damals warnte der Text vor denjenigen, die zunehmend gegen Fremde, Ausländer und alles, was ihnen fremd ist, eingestellt sind. Er warnt noch mehr vor diejenigen, die Menschen mit Hetze, Hass und Heil-Gebrüll verführen.

Das schier Unglaubliche konnte sich die Band aber wohl nicht vorstellen, nämlich dass nach allen Anschlägen rechtsextremer Täter auf Ausländer bislang auch der gezielte Mord an Juden in Deutschland wieder geschehen könne.

Genau darauf, mit Blick auf das versuchte Massaker an Juden in Halle, wies mit sichtbarer Fassungslosigkeit Heinz Spelthahn, der Vorsitzende des Vereins „Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz e.V.“ hin, als er die vielen Bürger, unter ihnen auch Jülichs Bürgermeister Axel Fuchs und der Rabbi Mordechai Bohrer aus Aachen, begrüßte, die zur Gedenkveranstaltung „An der Synagoge“ gekommen waren.

81 Jahre ist die sogenannte „Reichkristallnacht“ her, ein zynischer vom seinerzeitigen NS-Regime instrumentalisierter Begriff, um die jüdischen Opfer der deutschlandweiten, von den Nationalsozialisten gesteuerten Ausschreitungen auch noch verbal zu verhöhnen.

Die Nächte im November 1938 waren nicht der Anfang antisemitischer Aktionen, das hatten die Nazis schon früher auf den Weg gebracht, es war der Anfang der systematischen Gewalt gegen alles Jüdische, der im Holocaust endete. Und heute? Es sei wieder salonfähig geworden, so Heinz Spelthahn, rechte Stereotypen offen auszusprechen und dadurch zu verstärken.

Vor der Gewalt stehe wieder das Wort, aber: „Die Konsequenz von Halle kann nur sein, dass wir Stopp und Nein sagen“ zu denen, die die heutigen rechten Verführer seien. Wichtig sei es, „Überzeugungsarbeit zu leisten, denn unser Grundgesetz bietet den richtigen Rahmen, friedlich und offen für unsere Werte einzutreten.“

Die Gedenkveranstaltung wurde mit Musik des Jülicher Bläserquartetts begleitet und mit Gedanken, die eine Konfirmandengruppe unter der Leitung von Horst Grothe von der evangelischen Gemeinde erarbeitet hatten.

Die 12 bis 13-jährigen Schüler und Schülerinnen hatten sich mit Zitaten von Heinrich Himmler und Adolf Hitler auseinandergesetzt, wahrhaftig für diese Altersgruppe kein leichtes Unterfangen. „Das Gewissen ist eine jüdische Erfindung“, sagte Hitler, und die jungen Konfirmanden hielten dem in ihrer Sprache entgegen, es sei „krass und unfair“, andere zu töten.

Und etwas weniger salopp: Jeder habe das Recht zu leben, unabhängig von Hautfarbe, Herkunft, Religion und anderen Merkmalen.

Mit einem Schweigemarsch ging es zum Mahnmal auf den Probst-Bechte-Platz, um dort der ermordeten Juden aus dem Nordkreis zu Gedenken. Das Totengebet El Male Rachamin sprach Rabbi Bohrer. Danach lud Heinz Spelthahn ins Bonhoeffer-Haus ein. „Zum Gedenken, so traurig auch der Anlass ist“ so der Vorsitzende des Vereins, „gehört auch die Gemeinschaft und der damit demonstrierte Zusammenhalt“.

Das dortige Beisammensein mit koscherem Wein und leckeren Häppchen begleitete der Chor der Jüdischen Gemeinde Aachen, die Lieder in fünf Sprachen vortrugen.

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