Aachen: Jülicher Castoren: Atommüll im genehmigungslosen Zustand

Aachen: Jülicher Castoren: Atommüll im genehmigungslosen Zustand

Die besten Köpfe der Welt sollen nach Jülich kommen; das dortige Forschungszentrum (FZJ) will sich mit führenden Einrichtungen messen. Doch eine Sache stört das Bild des attraktiven Wissenschaftsstandorts gewaltig: die Vergangenheit als Kernforschungsanlage und die Hinterlassenschaften aus dieser Zeit.

Vor allem geht es um die 152 Castorbehälter mit 288.161 Brennelement-Kugeln aus dem 1988 stillgelegten AVR-Versuchsreaktor.

Das Forschungszentrum hat seine Last mit den Altlasten und würde sie gerne loswerden. Doch genau darüber gibt es Streit zwischen den FZJ-Gesellschaftern, dem Bund und dem Land NRW. Sah es zuletzt so aus, dass der Bund als Hauptgesellschafter sich in diesem Tauziehen durchsetzen könnte, so liefert nun das Land Argumente, die die Situation in einem anderen Licht erscheinen lassen.

Die Genehmigung für die Lagerung der 152 Castorbehälter in Jülich endet am 30. Juni 2013. „Es ist das erklärte Ziel der Bundesregierung, dieses Forschungszentrum kernbrennstofffrei zu machen, um einen attraktiven Standort zu haben”, hatte FZJ-Aufsichtsratsvorsitzender Karl Eugen Huthmacher Ende November gesagt.

Huthmacher, ein hochrangiger Beamter aus dem Bundesforschungsministerium, hatte zuvor die Position des Bundes im Aufsichtsrat durchgedrückt. Demnach soll an dem Plan festgehalten werden, die Castorbehälter quer durch NRW in das Zwischenlager im münsterländischen Ahaus zu bringen und sie dort einzulagern. Die rot-grüne Landesregierung hat sich gegen diese Transporte ausgesprochen. Ein Antrag des Landes auf eine weitere Lagerung der Behälter in Jülich wurde im FZJ-Aufsichtsrat jedoch abgelehnt.

Der Bund hat als Grund für die Transporte des Jülicher Atommülls nach Ahaus immer auch angegeben, einen genehmigungslosen Zustand verhindern zu wollen. Dieser drohe allerdings unausweichlich, wenn man die Castorbehälter weiter in Jülich lagern würde, hatte Huthmacher erklärt. Denn um eine neue Genehmigung zu erhalten, müsste das Lager nachgerüstet oder sogar neu gebaut werden. Es entspricht nicht mehr dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik. Bis zum 30. Juni 2013 sei das aber nicht mehr zu schaffen, sagte Huthmacher.

Ein genehmigungsloser Zustand ist nach Einschätzung der Landesregierung aber auch mit Blick auf die Transporte nicht mehr ausgeschlossen. Zwei Genehmigungen sind dafür erforderlich: eine, um die Castorbehälter nach Ahaus zu bringen, und eine zweite, um sie dort einzulagern. Mit den Anträgen - und der späteren Durchführung - hat das FZJ zwei Spezialfirmen beauftragt: für den Transport die Nuclear Cargo und Service GmbH (NCS), für die Lagerung die Gesellschaft für Nuklear-Service mbH (GNS). Für die Genehmigungen ist das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) zuständig. Dort heißt es auf Anfrage unserer Zeitung, die Anträge würden derzeit bearbeitet.

Nach Ansicht der Landesregierung gibt es Probleme in den Genehmigungsverfahren, besonders, was die Lagerung in Ahaus anbelangt. Demnach entsprechen die 152 Jülicher Castorbehälter nicht den aktuellen Sicherheitsbestimmungen. Die Landesregierung stützt sich bei ihrer Einschätzung auf das Atomgesetz. Dort steht unter Paragraph sechs, dass die Aufbewahrung von Kernbrennstoffen genehmigt wird, wenn „die nach dem Stand von Wissenschaft und Technik erforderliche Vorsorge gegen Schäden durch die Aufbewahrung der Kernbrennstoffe getroffen ist” und wenn „der erforderliche Schutz gegen Störmaßnahmen oder sonstige Einwirkungen Dritter gewährleistet ist”. Beides ist nach Lesart des Landes nicht gegeben. Nach Angaben des FZJ sind die Behälter alle baugleichen Typs und in den frühen 90er Jahren von der GNS hergestellt worden.

Die Jülicher Castoren entsprechen nach Meinung des Landes also nicht mehr den aktuellen Möglichkeiten der Lagerungstechnik. Deshalb könnten sie nicht nach Ahaus gebracht werden, und deshalb drohe ein genehmigungsloser Zustand. Udo Paschedag, Staatssekretär im Landesumweltministerium, sagt: „Ich bin mir sicher, dass die Transporte nicht rechtzeitig abgewickelt werden können.”

Wie weit die Transportpläne bereits im Hintertreffen sind, zeigt ein Blick auf einen „optimierten Eckterminplan” aus dem Jahr 2009, der aus dem Bundesforschungsministerium stammt. Demnach hätte eine Transportgenehmigung bereits am 1. September 2010 und eine Genehmigung für die Lagerung der Behälter in Ahaus nur einen Monat später erteilt werden sollen. Die Transporte hätten bereits im März dieses Jahres beginnen sollen, um Ende Juni 2013 beendet zu sein.

Offenbar wird nun mit Hochdruck an Plänen gearbeitet, wie die Transporte in kürzerer Zeit zu bewältigen sind. Laut dem Dürener Bundestagsabgeordneten Oliver Krischer (Grüne) waren die Transporte auch Thema in der Sitzung des Umweltausschusses des Bundestags am Mittwoch. Wie aus Kreisen der Bundesregierung bestätigt wird, sei dort eine mögliche Verkürzung der Transportzeiten von 28 auf acht Monate diskutiert worden.

Das FZJ betont indes, dass es den Transport per Lkw „nach eingehender Prüfung bevorzugt”: „Die Durchführung der Transporte kann auf der Straße durch den parallelen Einsatz mehrerer Lkw deutlich effizienter und zeitsparender gestaltet werden als bei einem Schienentransport.” Dafür stünden sechs spezielle Transportgestelle bereit. Pro Gestell könne ein Castorbehälter transportiert werden.

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) will die Auffassung des Landes NRW zur Lagerungstechnik weder bestätigen noch dementieren. Wie schnell Genehmigungen erteilt werden können, sei von den Unterlagen des Antragstellers abhängig. „Nur wenn sie die entsprechende Qualität haben und dem derzeitigen Stand von Wissenschaft und Technik entsprechen, sodass mit ihnen die erforderlichen Sicherheitsnachweise erbracht werden können, kann eine Genehmigung erteilt werden”, sagt ein Sprecher des BfS. An welchen Details das Verfahren hakt, wollte das BfS nicht sagen.

„Wir haben alle notwendigen Unterlagen für den Antrag zur Lagerung der 152 Jülicher Castorbehälter im Zwischenlager in Ahaus im Oktober 2009 nach bestem Wissen beim Bundesamt für Strahlenschutz eingereicht”, sagt GNS-Sprecher Burghard Rosen. Im Genehmigungsverfahren frage das Bundesamt immer wieder nach. „Die GNS beantwortet diese Nachfragen stets zeitnah”, sagt Rosen.

Er verweist darauf, dass in Ahaus bereits 305 baugleiche Castorbehälter mit Brennelement-Kugeln aus dem ehemaligen Thorium-Hochtemperatur-Reaktor (THTR) in Hamm eingelagert seien. „Die GNS hat also Erfahrung mit diesen Behältern und kann sie handhaben”, sagt Rosen und ergänzt: „Zumal wir sie selbst gebaut haben.” Wie lange das Bundesamt für Strahlenschutz für das Erteilen einer Genehmigung braucht, könne die GNS nicht beurteilen.

Atomkraftgegner haben massive Proteste gegen die geplanten Atommüll-Transporte von Jülich nach Ahaus angekündigt. „NRW muss sich auf vehementen Widerstand gegen die Castortransporte einrichten”, sagte der NRW-Landesvorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Paul Kröfges, am Donnerstag. Siegfried Faust vom „Aktionsbündnis Stop Westcastor” hält es für „unverantwortlich”, dass der Atommüll aus dem ehemaligen Forschungsreaktor „den Menschen in Ahaus vor die Füße gekippt werden soll”. Er spricht sich stattdessen für ein modernes Zwischenlager in Jülich aus.

Für den kommenden Sonntag rufen die Atomkraftgegner zu einer Demonstration in Ahaus auf. (dapd)

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