Jülicher Baugebiete: Der lange Weg in eine größere Zukunft

Jülicher Baugebiete : Der lange Weg in eine größere Zukunft

Die Stadt Jülich hat großes Wachstumspotenzial. Dem stehen im Moment aber noch lange Genehmigungsprozesse im Weg.

Die Stadt Jülich hat das Potenzial, so etwas wie die heimliche Hauptstadt des Strukturwandels zu werden. In Jülich sitzt mit dem Forschungszentrum, dem Solarinstitut der FH Aachen und der Außenstelle des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt geballte Kompetenz, was die Energiegewinnung von morgen angeht. Jülich liegt im Dreieck zwischen Düsseldorf, Köln und Aachen – drei Städten, die in puncto bezahlbare Grundstücke so gut wie ausverkauft sind. Immer mehr Menschen blicken auf das Umland. Und da liegt Jülich mittendrin.

Gerade arbeiten der Kreis Düren und wenigstens die Städte Jülich und Linnich sowie die Gemeinde Aldenhoven daran, das Schienennetz so zu verbessern, dass Jülich vielleicht sogar direkt mit der Bahn an die drei benannten Großstädte angebunden ist. Zudem entsteht mit dem sogenannten Brainergy-Park auf der Merscher Höhe ein Gewerbegebiet, das ein Musterbeispiel für eine neue Energiewirtschaft und deswegen eine der großen Strukturwandel-Projekte im Rheinischen Revier werden soll. Punktum: Der Verdacht besteht, dass Jülich gewaltig wachsen kann.

272 Baugebiete in zwölf Jahren

„Die Gefahr besteht aber auch, dass wir den Zug verpassen“, sagt Jülichs Bürgermeister Axel Fuchs. Er redet davon, dass die Genehmigungswege hin zu neuen Baugebieten zu lang werden und die Stadt deswegen zu spät dran sein könnte. In den vergangenen zwölf Jahren hat Jülich 272 Baugrundstücke entwickelt. Mit einem Faktor von 2,5 ergibt das Lebensraum für rund 680 Einwohner.

Nicht schlecht, aber viel zu wenig für das, was kommen könnte. „Wir stehen in dem Ruf, uns dem Thema nicht zu widmen. An der Zahl sieht man, dass das nicht stimmt“, sagt Fuchs und führt noch eine weitere Hausnummer ins Feld. 495. Das ist die Zahl der Baugrundstücke, die konkret für die nächsten fünf Jahre in Planung sind. Macht Platz für 1238 Menschen. Plus das Projekt an der Alten Fachhochschule: 220 Einwohner. Die Stadt verstärkt ihre Bemühungen deutlich.

Aber das wird ebenfalls nicht reichen, wenn die Stadt ihr Potenzial mit Blick auf den Strukturwandel nutzen will. Fuchs, der 1. Beigeordnete der Stadt Martin Schulz und Frank Drewes, der Geschäftsführer der Stadtentwicklunsgesellschaft, bestätigen diese These zwar nicht unmittelbar, indirekt aber doch. Fuchs spricht von einer 4 als erster Ziffer der Einwohnerzahl. Über 40.000, das sei ein Ziel. Jülich soll also um 7000 Einwohner wachsen. „Das schaffen wir nur, wenn wir in anderen Größenordnungen denken können“, sagt Drewes.

Und dieses Denken fällt schwer. Eine Art Denkbeschränkung ist der Landesentwicklungsplan, der gerade in einem vermutlich Jahre dauernden Prozess überarbeitet wird. In ihm legt die Landesregierung fest, wo gebaut werden darf. Grob gesagt sorgt der Plan auch dafür, dass Städte und Gemeinden für jede Fläche, die sie versiegeln, eine Ausgleichsfläche schaffen müssen, auf der die Natur gedeihen kann. „Wenn ich alleine auf den Brainergy-Park schaue: Um den zu entwickeln, mussten wir für unseren Teil an anderer Stelle 25 Hektar zurückgeben“, fügt Schulz hinzu. Einfach so Fläche versiegeln – das funktioniert nicht.

Aber selbst wenn doch, gäbe es ein weiteres Problem: „Wir haben hier ungemein fruchtbare Böden“, erwähnt Schulz die guten Bedingungen für die Landwirtschaft, die mit zunehmender Versiegelung schwinden müssten. Fuchs fügt hinzu, dass ein Wachstum hin zur Vier mehr Planung erfordere als nur das Entwickeln von Baugebieten. Feuerwehr, Polizei, Kindergärten, Schulen – die Versorgung müsste neu gedacht werden.

Potenzialfläche Nummer 1: die Fläche westlich des Brückenkopf-Parks mit dem Arbeitstitel „Golfplatz“. Die Stadtverwaltung sieht hier auf die lange Sicht  Platz für 1000 bis 2000 Wohneinheiten. Foto: Guido Jansen

Trotzdem betonen Fuchs, Schulz und Drewes, dass ein Umdenken notwendig ist. Sie denken dabei an Flächen mit anderen Potenzialen als das, was war und ist. Die Fläche westlich des Brückenkopf-Parks und nördlich der Aachener Landstraße könnte Platz für 1000 bis 2000 Wohneinheiten bieten. Einen Vorteil hat die Stadt: die Fläche gehört ihr bereits. Im Gegensatz zum zweiten Gebiet mit Anbindung an die Kernstadt zwischen dem Nordviertel und dem Von-Schöfer-Ring. „Die Besitzverhältnisse sind hier sehr kompliziert“, sagt Drewes. Viele Eigentümer müssen unter einen Hut gebracht werden.

Zwei weitere Gebiete, die ähnlich groß oder noch größer sein könnten, haben die Stadtplaner im Blick: Eines trägt den Arbeitstitel Jülich-Süd und zielt auf die Lage Kirchberg und Selgersdorf ab. Das vierte firmiert unter Jülich-Ost, Blickrichtung Stetternich. In Summe könnte mit diesen sogenannten Potenzialflächen Platz für 12.500 Menschen geschaffen werden. Das wird in Summe nicht so kommen. Aber teilweise. Darauf hoffen Fuchs, Schulz und Drewes.

„Wer uns zugesteht, dass wir den Brainergy-Park bauen, der muss uns auch zugestehen, dass wir den Menschen, die da arbeiten, auch die Möglichkeit geben, in Jülich zu wohnen“, sagt Schulz. 2000 Arbeitsplätze sollen mit dem neuartigen Gewerbepark wenigstens entstehen, eher mehr. Wenn die Hälfte der Arbeiter mit Familie in Jülich leben will, dann müsste Platz geschaffen werden für 2500 Menschen. Der Prozess beginnt innerhalb der nächsten drei Jahre. Eine kurze Zeitspanne, was das Entwickeln von Baugebieten angeht.

„Wenn man die Planungs- und Entwicklungsleistungen sieht, wie sie heute sind, dann erhält man Projektierungszeiten, die eine schnelle Umsetzung verhindern“, erklärt Drewes. Oder einfach: Das Genehmigen und Entwickeln von Baugebieten muss nicht einfacher werden, aber schneller. Das ist eine Strukturwandel-Aufgabe, die auf alle Genehmigungsbehörden zukommt, von der Landesebene runter bis zu jeder Kommune. Denn sonst ist im Fall Jülich bald zwar eine Nachfrage da nach Lebensraum, aber kein Angebot. Genau das ist die von Fuchs befürchtete Gefahr, den Zug zu verpassen.

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