Hinrichtungen in der Herzogstadt: In Jülich ging es um Leben oder Tod

Hinrichtungen in der Herzogstadt : In Jülich ging es um Leben oder Tod

Das Haupt- und Kriminalgericht zu Jülich hat die schweren Fälle im Herzogtum verhandelt, die oft mit der Todesstrafe endeten. Heute gibt es noch farbige Zeugnisse der blutigen Vergangenheit.

Zwei Farben, die längst verblichen sind, zeugen von einem blutigen Aspekt der Jülicher Geschichte: Das Alte Rathaus, das mittlerweile Kleines Kreishaus heißt, ist heute hell orange. Früher mal war es rot. „Das ist ein Symbol dafür, dass in Jülich die Blutsgerichtbarkeit ihren Sitz hatte“, sagt der Historiker Guido von Büren. Im Jülicher Rathaus hatte das Haupt- und Kriminalgericht für das Herzogtum Jülich seinen Sitz. Hier wurden die schlimmsten Fälle verhandelt, auch aus Düren, vom Ahrtal bis zum Niederrhein. Und hier wurden die Todesstrafen vollstreckt. Deswegen Rot für Blut. Vom finsteren Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert sind Menschen zur Strafe getötet worden. Wie viele – das ist schwer zu sagen. „Viele Gerichtsakten sind nicht mehr erhalten“, schildert von Büren.

Trotzdem gibt es gesichtete Erkenntnisse. Ein Ort der Hinrichtung befand sich auf der Merscher Höhe, außerhalb der befestigten Innenstadt. Heute erinnert der Straßenname Am Blauen Stein daran. „Wenn Blut trocknet, dann nimmt es eine bläuliche Farbe an“, sagt von Büren. Auf besagtem Stein, der wohl als Richtblock für die Enthauptungen gedient haben muss, ist vermutlich ziemlich viel Blut getrocknet. Denn die Enthauptung war eine der üblichen Arten der Todesstrafe.

Die zweite Stelle, an der Verurteilte hingerichtet wurden, war ungefähr dort, wo die Franzosen später den Brückenkopf gebaut haben, also am genau entgegen gesetzten Ende der Stadt, erneut außerhalb. Das hatte mehrere Gründe, einen aber sicher nicht. „Es ging nicht darum, dass die Bevölkerung nicht dabei sein sollte, im Gegenteil“, sagt von Büren. Hinrichtungen waren, wie in historischen Filmen oft gezeigt, ein Akt der Unterhaltung, außerdem sollten die Menschen davon abgeschreckt werden, es dem Verurteilten gleich zu tun. Abschreckung war wichtig. „Ihme zur wohlverdienter straff, anderen zum abscheulichen Exempel“, zitiert der Aachener Jurist Peter Robertz in seinem 1943 erschienen Buch „Die Strafrechtspflege am Haupt- und Kriminalgericht zu Jülich von der Karolina bis zur Aufklärung (1540 – 1744)“ eines der Leitmotive der Hinrichtung.

Fotografie vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts: Es zeigt das Richtschwert des letzten Jülicher Scharfrichters. . Foto: Jansen/Museum Jülich

Das abscheuliche Exempel sollte so lange wie möglich statuiert werden. Deswegen wurden die Köpfe der Enthaupteten aufgespießt und bildeten ein Spalier am Eingang der Stadt. Neben der Enthauptung war der Tod am Galgen die zweite gängige Hinrichtungsmethode. Auch der sollte nachwirken: „Zur Warnung der Allgemeinheit oder zur Abschreckung der Wanderer blieb der Gehängte so lange hängen, bis er von selbst abfiel oder verwest war“, schreibt Robertz. Die Lage außerhalb hatte weitere Gründe. „Die Hingerichteten mussten vor Ort in die Erde verbracht werden“, erklärt von Büren. Allerdings nicht in geweihter Erde. Also raus vor die Tore der Stadt mit den Verbrechern!

Todesstrafe war nicht gleich Todesstrafe, wie von Büren berichtet. Die Versehrtheit des Körpers spielte eine Rolle beim Glauben an den Eingang in das Leben nach dem Tod. Der, dessen Körper mit der Strafe zerstört wurde, hatte für später schlechte Karten. „Das Urteil, gerädert zu werden, wurde oft umgedreht“, sagt von Büren. „Erst wurde der Verurteilte getötet, dann wurde der Körper in das Rad geflochten und dabei möglichst viele Knochen gebrochen.“

Von Amts wegen zuständig war der Scharfrichter. Heute würde man sagen, dass er im öffentlichen Dienst tätig war. Er war oberster Foltermeister und zuständig für Bestrafungen aller Art. Auspeitschen, Zunge herausschneiden, Finger abtrennen und Hinrichtungen. Heute wäre sein Salär leistungsabhängig. Es gibt Quellen, in denen geschrieben steht, dass er für jeden Ausgepeitschten und jeden Hingerichteten mit dem Schwert im Jahr 1714 einen Zuschlag von einem Reichstaler erhalten hat, zusätzlich zum Grundgehalt.

Heute weist nur noch ein Straßenname auf die blutige Vergangenheit der Merscher Höhe hin. Foto: Jansen/Museum Jülich

Besonders gut gelitten war der Scharfrichter in der Jülicher Bevölkerung nicht. Es bestand sogar die Gefahr, dass die Zuschauer einer Hinrichtung sich gegen ihn wandten, wenn er seine Aufgabe nicht zur Zufriedenheit erledigte. Deswegen wurde das sogenannte Friedgebot eingeführt, mit dem der Richter den Scharfrichter entlastete für alles, was bei der Hinrichtung passieren könnte. Ein weiterer Akt, der zum Ritual der Hinrichtung gehörte, hat Einzug in den Sprachgebrauch gefunden: über jemanden den Stab brechen. Das taten die Richter am Ort der Hinrichtung symbolisch, um zu zeigen, dass der Verurteilte sein Leben verwirkt hatte.

Bis vor etwa 100 Jahren war das Richtschwert des letzten Jülicher Scharfrichters noch im Besitz der Stadt. Nachdem es zu einer Ausstellung nach Köln verliehen worden war, verliert sich die Spur der Klinge, die viele, nicht gezählte Leben genommen hat. Auf Fotografien ist zu lesen, was auf der Klinge eingraviert war: „Eine Mutter alles Recht und Billigkeit, Bin ich drum werdt genanndt die Gerechtigkeit, Wenn dem armen Sünder wird abgesprochen das Leben, So wirdt er mir unter meine Handt gegeben“, soll da laut Peter Robertz zu lesen gewesen sein.

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