Vor der Kernforschungsanlage: Als es das Jülicher Nordviertel noch nicht gab

Vor der Kernforschungsanlage : Als es das Jülicher Nordviertel noch nicht gab

Im Norden war nichts. Oder nicht viel. „Ein paar einzelne Häuser und Gehöfte hat es gegeben. Mehr nicht“, sagt Guido von Büren über den Jülicher Norden. Er ist das mit Abstand jüngste Stadtviertel. Lange Zeit war nördlich der Zitadelle Schluss mit Wohnbebauung.

„Das hat sich im großen Stil erst geändert, als die Wohnblöcke für die Mitarbeiter der damaligen Kernforschungsanlage gebaut wurden“, sagt von Büren, der Historiker ist und so etwas wie das lebendige Gedächtnis der Stadt.

Der Norden ist also erst in den 1950er Jahren so richtig entstanden. Und trotzdem hat er eine heute noch nachvollziehbare und erkennbare Geschichte, die viel älter ist. Auch, wenn man ganz genau hinschauen muss, um sie zu erkennen.

Denn bis auf den Rest der sogenannten Lünette A steht im Norden nichts Altes mehr. Und auch der ist kaum zu erkennen. Denn die Reste sind heute nicht mehr als ein Erdhügel im sogenannten Trommelwäldchen. Hier, im vor zwei Jahren unter Protest der Bevölkerung kahlgerodeten einstigen Kleinod, kann man die Rekonstruktion des einstigen Nordens beginnen.

Die Franzosen hatten die im 16. Jahrhundert befestigte Stadt bis 1812 im Osten, Süden und Westen mit einem zusätzlichen Sicherheitsring aus sogenannten Lünetten eingefasst. Das sind Befestigungsanhöhen, die einen feindlichen Sturm auf die Stadt wie eine Art Wellenbrecher stören sollten und von denen aus die Verteidiger mit Geschützen in das Umland schießen konnten. Im Norden aber war der Lünetten-Ring noch offen, weil die Franzosen erstens andere Pläne hatten und zweitens nicht mehr dazu gekommen waren, sie auszuführen. Sie wollten einen Angriff aus Richtung Norden schon viel früher abfangen, auf der Merscher Höhe, mit dem sogenannten Fort Napoleon. Das haben sie angefangen, ungefähr dort, wo heute der Kommunalfriedhof ist, und nicht mehr zu Ende gebracht, weil Napoleon bei Waterloo geschlagen wurde und die Preußen das Rheinland übernommen haben.

Änderung der Befestigungspläne

Für Jülich änderten sie die Befestigungspläne und vervollständigten den Lünetten-Ring mit drei Bollwerken. „Lünette A ist die am Trommelwäldchen, Lünette B war da, wo die Artilleriestraße einen Knick macht, und Lünette C hat sich da befunden, wo heute das Gästehaus des Forschungszentrums ist“, erklärt von Büren. Die Erkenntnis, dass der Norden geschützt werden musste, war laut von Büren richtig. Denn von der Merscher Höhe konnte man in die Stadt und hinter die Festungsmauern schauen. Und von dort aus auch mit schweren Geschützen schießen. Also musste irgendetwas her, das den Blick verbaut und Angriffe abfängt.

„Umgekehrt war es so, dass im Vorfeld nichts stehen durfte, dass einem Feind die Möglichkeit gab, sich zu verstecken, oder Deckung zu finden“, erklärt von Büren. Auch deshalb war im Norden lange so gut wie nichts. Aus militärtaktischen Gründen. Auf einem Bild des bekannten Malers Johann Wilhelm Schirmer aus dem Jahr 1829 aus Blickrichtung Norden sieht man vor der Stadt bis auf Felder und Wiesen nichts. Und von der Silhouette der Stadt erkennt man die Propsteikirche und die Christuskirche. Von der Festung mit ihren Wällen, Mauern und Gräben dagegen keinen Pinselstrich. Schirmer hat die Perspektive bewusst so wählen müssen. „Es gab ein Darstellungsverbot für Festungsbauten“, sagt von Büren.

Im Jülicher Norden ist auch das laut von Büren älteste bekannte und noch erhaltene Foto Jülichs entstanden. Es zeigt die Lünette B 1860, also in dem Jahr, im dem Jülich seinen Status als Festung verlor. Die Preußen haben fortan an den Festungsbauten geübt, wie sie andere Festungen belagern können. „Dafür haben sie sich unter anderem zwei Wochen lang von der Merscher Höhe bis in die Innenstadt vorgearbeitet. Der Jülicher Norden wurde zum Artilleriefahrplatz. „Sie sind da mit ihren von Pferden gezogenen Geschützen hin und her gezogen. Deswegen der Name Artilleriestraße“, erklärt der Historiker.

Aus dieser Zeit stammt auch der Name Trommelwäldchen. Die jungen Soldaten der Unteroffiziersschule haben in der Nähe das Spielen von Militärmusik geübt, laut von Büren sei nach dem 1. Weltkrieg der Name entstanden. Damals noch, bis nach dem Ende der Zweiten Weltkriegs in der Region, gab es im Jülicher Norden einen Graben. Der verlief unmittelbar vor dem Lünetten und sorgte dafür, dass die Bollwerke für einen Angreifer an Höhe gewannen. Beim Wiederaufbau Jülichs nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Abraum der zerstörten Häuser in diese Gräben geschüttet und somit ein Teil des Fundaments für das Nordviertel gelegt. Der jüngste Stadtteil fußt also auf den Trümmern der zerstörten Vergangenheit.

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