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Die Belagerung Jülichs vor 400 Jahren: Als die Niederländer ihre Pferde aßen

Die Belagerung Jülichs vor 400 Jahren : Als die Niederländer ihre Pferde aßen

In der Not frisst der Teufel Fliegen. Für die niederländischen Truppen war die Not wohl noch größer. Als sie in Jülich vor 400 Jahren kapitulierten, hatten sie jedenfalls keine Pferde mehr.

Eine gute Lage ist eines der wichtigsten Argumente, wenn Makler versuchen, ein Haus an die Frau oder an den Mann zu bringen. Die Stadt Jülich hat eine historisch verbrieft gute Lage. Die Römer haben sich angesiedelt, weil der Übergang über die Rur hier günstig war und das Land außergewöhnlich fruchtbar. Dass diese gute Lage auch ein Fluch sein kann, hat Jülich mehrfach feststellen müssen.

Am deutlichsten wohl vor genau 400 Jahren, als niederländische Truppen in der Zitadelle saßen und spanische Truppen versucht haben, sie mit einer Belagerung auszuhungern. Ein großes Bildnis des flämischen Malers Pieter Snayers zeugt davon. Snayers war nie in Jülich, er schuf das Bild im spanischen Auftrag einige Zeit später anhand von Berichten und Karten.

Der Plan, die niederländischen Besatzer auszuhungern, hat funktioniert. Im Februar 1622 verlassen die niederländischen Truppen unter ihrem Kommandanten Frederick Pithan die Jülicher Festung, die sie seit 1610 gehalten hatten. Für die Stadt und ihre Menschen, die zufällig das Unglück hatten, auf einem strategisch wichtigen Flecken Erde zu leben, bedeuteten diese Jahre viel Leid. Snayers Bild zeigt die Belagerung und den Erfolg seiner spanischen Geldgeber. Das Leid der Menschen ist nicht zu sehen.

Schutzgelderpressung anno 1580

„Seit den 1580er Jahren schon zogen spanische und niederländische Truppen marodierend und brandschatzend durch das Land“, sagt der Jülicher Historiker Guido von Büren. „Frei nach dem Motto: Bezahlt Schutzgeld oder wir überfallen euer Dorf.“ Dazu sollte gesagt sein, dass die Truppen meist Söldner waren, die spätestens dann das Plündern und Erpressen anfingen, wenn ihr Auftraggeber nicht zahlungskräftig war. Vor allem Spanien hatte da ein Problem, da es sich in der frühen Neuzeit nicht nur mit den Niederländern herumschlagen musste, sondern auch mit England und Frankreich im Kriegszustand war. „Spanien hat damals zweimal einen Staatsbankrott erlitten“, sagt von Büren. Die Insolvenz des Königreichs ausbaden mussten unter anderem die Menschen im Jülicher Land.

Die waren ohne Jülicher Zutun zwischen zwei große europäische Mühlsteine geraten, nämlich Spanien und die Niederlande. „Das alles ist im Kontext des spanisch-niederländischen Krieges zu sehen, der 1568 angefangen hatte“, erklärt von Büren. In den 1570er Jahren hatten sich die sieben nördlichen niederländischen Provinzen erhoben und im Bündnis von Utrecht zu den Generalstaaten zusammengeschlossen. Beide Kriegsgegner bevorzugten das Rheinland und besonders das Jülicher Land als Rückzugsraum und Sammelpunkt für ihre Truppen, eben wegen der fruchtbaren Böden. Und weil Jülich nun mal so offen da lag. „Herzog Wilhelm V. hatte schon 1538 gesagt, dass das Herzogtum Jülich ‚ein offen Land‘ sei“, erklärt von Büren.

Spanien fast gegen den Rest der Welt

Für die Spanier lag die Stadt zudem auf einem wichtigen Transportweg. Weil das Königreich schon lange einen schweren Seekrieg gegen England führte, 1588 eine schwere Niederlage gegen Königin Elisabeth I. hatte hinnehmen müssen und weil die aufbegehrenden niederländischen Generalstaaten sich ebenfalls aufgemacht hatten, den Krieg auf die Meere zu verlegen, transportierte Spanien seinen Nachschub und die Verpflegung für den Krieg gegen die Niederlande über Land. Den Rhein hinauf über Köln als wichtige Drehscheibe und Jülich als wichtige Durchgangsstation.

Der sogenannte kölnische Krieg ab 1583 verlängerte das Problem für die Menschen im Jülicher Land. Der Kölner Erzbischof Gebhard war in eine Stiftsdame verliebt und sah sich deswegen als Geistlicher vom Verlust seiner Macht bedroht. Also wollte er das Erzbistum in ein weltliches Territorium umwandeln. Hinter ihm standen unter anderem die protestantischen Niederländer. Sein Gegenspieler war Ernst von Bayern, der von den katholischen Spaniern unterstützt wurde. „So wogte der Konflikt zwischen den Niederlanden und Spanien viele Jahre hin und her“, sagt von Büren. Auch wenn das ein bisschen nach Märchen klingt – es war bittere Realität und das Herzogtum war zum Spielball und zum Schlachtfeld größerer Mächte geworden.

Die uneinnehmbare Festung fällt 1610

Es wurde noch schlimmer, als der Jülicher Herzog Johann Wilhelm 1609 ohne Erben starb und andere sich um das mächtige Herzogtum Jülich-Kleve-Berg balgten. Die Zusammenhänge sind komplex. Letztlich besiegte eine von Frankreich, England und den Niederlanden gestützte Armee die Truppen des deutschen Kaisers Rudolf II., der Jülich ebenfalls für sich beanspruchte und die Festung zunächst in seiner Hand hatte. „Dass die als uneinnehmbar geltende Jülicher Festung 1610 gefallen war, sorgte in ganz Europa für Aufsehen“, sagt von Büren. Die niederländischen Truppen bauten die Festung in der Folge aus. Den Spaniern war das ein Dorn im Auge. Und das, obwohl sie 1609 ein Abkommen mit den Niederlanden geschlossen hatten, den Konflikt für zwölf Jahre ruhen zu lassen.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Schneller als die Niederländer dachten, standen die Spanier nach Ablauf der zwölf Jahre wieder vor ihrer Türe. Auf dem Weg dorthin belagerten sie unter anderem ab September 1621 das strategisch so wichtige Jülich. „Sie haben die Niederländer in der Jülicher Zitadelle auf dem falschen Fuß erwischt. Die hatten nicht mal Zeit, die bei der Ernte gewonnenen Vorräte einzufahren. Die haben die Spanier für sich genutzt“, erklärt von Büren das Dilemma der Niederländer. Beste Voraussetzungen also für die spanischen Pläne, die Militärs in der Festung aushungern zu lassen.

Genau so kam es. Die Söldner im spanischen Dienste hoben mehrere Sternenschanzen rund um die Jülicher Festung aus, um sie zu isolieren zu können. Eine der sternförmigen kleinen Festungen ist in ihrem Relief noch heute in einem kleinen Waldstück bei Broich erkennbar und ist unter dem Namen Schwedenschanze bekannt. Der Name geht darauf zurück, dass schwedische Truppen sich im Kampf gegen Napoleon dort 1813/14 eingegraben hatten.

Die Belagerung und das Abschneiden von jedem Nachschub zeigte Wirkung.  „Als der spanische Heerführer Ambrosio Spinola im Februar 1622 persönlich erscheint, hatten die Niederländer ihre Pferde schon gegessen“, berichtet von Büren. Am 21. Februar dann kapitulierten die niederländischen Besatzer und zogen ab.

Die Spanier sollten noch bis 1660 in Jülich bleiben. Auch der Westfälische Friede 1648, der den spanisch-niederländischen Konflikt mit der Anerkennung der Niederlande beendete, änderte daran zunächst nichts. „Der Jülicher Herzog als Landesherr hatte insgesamt 50 Jahre lang keinen Zugriff mehr auf seinen Besitz. In dieser Zeit hat Jülich auch den Status als Residenz des Herrschers verloren. Übrig geblieben war danach der Stellenwert als wichtige Festung“, fasst von Büren die Bedeutung für Jülich zusammen.

Ausstellung über die Spanier am Niederrhein

Um das Treiben der Weltmacht Spanien am Niederrhein zu zeigen, planen das Museum Zitadelle Jülich, das Städtische Museum Schloss Rheydt Mönchengladbach und das LVR-Niederrhein-Museum Wesel eine gemeinsame Ausstellung, die ab dem Herbst 2021 zuerst in Rheydt zu sehen sein soll und ab Mai 2022 in Jülich.