Jülich erhält erstes Fördergeld für Strukturwandel

Strukturwandel : Jülich erhält das erste Fördergeld

In einigen Jahren wird es nicht mehr sonderlich wichtig sein, dass das erste Geld aus dem 40 Milliarden Euro schweren Fördertopf der Bundesregierung für die Braunkohle-Regionen nach Jülich geflossen ist. Wichtig wird sein, was daraus wird. Geflossen ist es am Dienstag, symbolisch.

Mit vier Millionen Euro fördert das Bundesforschungsministerium die sogenannte Bioökonomie-Strategie im Rheinischen Revier. Die symbolischen Förderurkunden hat Thomas Rachel (CDU), Parlamentarischer Staatssekretär des Ministeriums, im Forschungszentrum Jülich (FZJ) überreicht.

Mit dem Geld sollen erste Schritte gegangen werden auf dem Weg, die Landwirtschaft im heutigen rheinischen Braunkohlerevier so stark und modern zu machen, dass sie dabei helfen kann, das aufzufangen, was wegfällt: die Arbeitsplätze und die Wirtschaftskraft der Braunkohle. 2038 soll in allen vier Revieren spätestens Schluss sein mit der Braunkohle. Das hat die Bundesregierung beschlossen.

Das Rheinische Revier mit drei Tagebauen um Jülich herum ist das größte, hier sollen die Braunkohlebagger vermutlich als erstes stillstehen. „Hier bei uns sind 20.000 Menschen mit Braunkohle beschäftigt“, erklärte Rachel. Braunkohle sei über Jahrzehnte der wirtschaftliche Motor der Region gewesen. Den zu ersetzen sei schwer. Die Bioökonomie sei einer von mehreren Wegen, die beschritten werden müssten, um das zu schaffen. Um die ersten Bioökonomie-Etappen bis 2021 zu realisieren, fließt das Fördergeld.

Es soll dafür eingesetzt werden, den Menschen in der Region klar zu machen, was Landwirtschaft schon jetzt kann und was sie vielleicht mal können wird. Die Voraussetzungen seien ideal. Das erklärte Ulrich Schurr, Leiter des FZJ-Instituts für Pflanzenwissenschaften. Es gebe die laut Rachel „vermutlich fruchtbarsten Böden in Mitteleuropa“, eine jetzt schon modern aufgestellte Landwirtschaft und auf dem Gebiet führende Forschungseinrichtungen. Alle beteiligten Seiten vor Ort – Bewohner, Unternehmen, Kommunen und Forschung – müssten zusammenarbeiten. Für die Forscher bedeutet das laut Schurr: „Wir müssen raus zu den Leuten. Es hilft nicht, Wissenschaft hinter dem Zaun zu machen.“

Das soll beispielsweise mit einem mobilen Tiny House passieren, also einen kleinen rollenden Haus, mit dem Forscher den Menschen auf Märkten und Messen erklären, wie die Landwirtschaft zu einem größeren Wirtschaftsfaktor werden kann. Zudem sollen sich alle Beteiligten besser vernetzen, damit bekannter wird, wer in der Region welche Kompetenzen hat. „Wir haben in unserer Region bisher 350 Unternehmen identifiziert, die für die Bioökonomie relevant sind“, sagte Schurr. Das Netzwerk an Kontakten könne in einer App für alle sichtbar gemacht werden. Es soll Foren geben, einer Art Bürgerbeteiligung gleichend, bei die Akteure zusammenkommen und besprechen, wie sie sich die Zukunft der Landwirtschaft vorstellen.

Die Forscher werden beispielsweise folgende Gedanken einbringen: Die Palette an produzierten Nahrungsmitteln wird breiter, Anbau und Produktion werden dank Digitalisierung und Automatisierung effizienter. Außerdem kann sich Landwirtschaft dahin entwickeln, dass sie Biokraftstoffe produziert, biologische Baumaterialien und ökologisches Plastik, Chemikalien und Medikamente. „Bis 2021 wollen wir zeigen, wozu wir imstande sind“, gab Schurr ein Etappenziel vor. Das lautet in etwa: Die Überzeugung verbreiten, dass Bioökonomie ein Teil der Zukunft des Rheinischen Reviers werden und Konzepte gemeinsam erarbeiten, wie diese Zukunft aussehen kann.

Dann soll Teil zwei der Bioökonomie-Strategie folgen: Gerade hat das Forschungszentrum einen weiteren Förderantrag gestellt auf rund 20 Millionen Euro. Mit dem Geld sollen unter anderem Demonstratoren gebaut werden: Bio-Raffinerien, moderne Photovoltaik-Gewächshäuser, Anlagen, mit denen Bio-Kraftstoffe gewonnen werden. Solche Anlagen sollen eine Art Vorbild für Industrie und Gewerbe werden. Neben dem Schaffen eines starken Wirtschaftszweigs Landwirtschaft als Ausgleich für die wegfallende Braunkohle soll genau das passieren: Das Rheinische Revier wird zu einem Vorbild für andere, zu einer Modellregion.

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