Jülich: Jetzt können die Kernphysiker vom Forschungszentrum wieder Tetris spielen

Jülich : Jetzt können die Kernphysiker vom Forschungszentrum wieder Tetris spielen

Man könnte zwar meinen, dass die Kernphysiker aus dem Forschungszentrum Spielkinder sind, wenn man Dr. Raimund Tölle reden hört. „Jetzt können wir endlich wieder Tetris spielen“, sagt der Wissenschaftler vom Institut für Kernphysik.

Tatsächlich sieht das, was die Kernphysiker in ihrer großen Halle treiben, von oben aus wie Tetris, der Computer-Spiel-Klassiker, bei dem Quader gedreht und verschoben werden. Der Unterschied: Im Gegensatz zu Tetris entsteht kein neuer Platz, wenn eine Reihe komplett belegt ist. Und das war bis zum Befreiungsschlag in dieser Woche das Problem im Forschungszentrum Jülich (FZJ).

600 Meter lang wird die Bahn des Teilchenbeschleunigers in Darmstadt sein, in Form einer Leichtathletik-Laufbahn. An den schweren Dipolmagneten ist die Krümmung der Bahn zu erkennen. Foto: Jansen

Denn die großen zweipoligen Magnete — Fachbegriff Dipolmagnete — verschwinden nicht automatisch, sobald sie fertig sind. Sie müssen mit Schwertransporten weggeschafft werden nach Darmstadt. Da entsteht in den kommenden Jahren einer der größten Teilchenbeschleuniger der Welt. Die wesentlichen Einzelteile des 64 Millionen Euro schweren Projekts werden in Jülich konstruiert und konfiguriert und später auch von den Jülicher Kernphysikern in Darmstadt installiert.

Jeder der 38 Tonnen schweren Magnete steht auf drei Füßen. Mit den Füßen haben die Forscher die Möglichkeit, die Position auf den Zehntelmillimeter genau auszurichten. Foto: Jansen

Aber weil es einen Stau beim Abtransport der fertigen Magnete nach Darmstadt gab und gibt, hatten auch die Jülicher Experten ein Platzproblem. Der Stau findet weniger auf den Transportwegen statt, sondern in den Amtsstuben des Landes Hessen, genauer gesagt bei den Transportgenehmigungen. Fast 38 Tonnen ist jeder der 48 Dipolmagneten schwer, in dieser Woche sind Nummer 25 und 26 nach Darmstadt gebracht worden. Die Schwertransporte brauchen ein Begleitfahrzeug, jede Brücke, über die ein Gespann mit einem Magneten dieser Gewichtsklasse im Gepäck rollt, muss komplett für den anderen Verkehr gesperrt werden.

Die 46 Dipolmagnete sind nicht die einzigen Bauteile, die im Forschungszentrum gefertigt werden. Ebenfalls in Jülich vorbereitet werden 54 sechspolige Magnete (Foto) und 84 vierpolige Magnete, die helfen sollen, die Teilchen zu lenken. Foto: Jansen

Bau hat noch nicht begonnen

„Wir treiben die Industrie mit unseren Anforderungen vor uns her“, sagt Kernphysiker Raimund Tölle. Bestes Beispiel sind die Transportroboter, die eigens für das Rangieren der Magnete für das Forschungszentrum angefertigt worden sind. Per Fußtritt werde sie gesteuert. Foto: Jansen

Das nächste logistische Problem: Der Bau des Teilchenbeschleunigers hat noch nicht begonnen, die in Jülich fertiggestellten Magnete werden so lange in einer Halle in Darmstadt eingelagert. Die Halle ist gemietet, der Besitzer hat den Vertrag wegen Eigenbedarfs gekündigt, die Kernforscher mussten sich nach einer anderen Lagermöglichkeit umschauen. Sie haben eine Halle wenige Hundert Meter entfernt gefunden. „Aber weil wir auf dem Antrag eine andere Zieladresse eingegeben haben, ist die Transportgenehmigung durch Hessen deswegen erloschen“, sagte Tölle, zuckte mit der Schulter ob dieses bürokratischen Akts, um zu verdeutlichen, dass der Neuantrag Zeit gekostet habe.

Zeit, die in Jülich zu Engpässen geführt hat. Jeder Stellplatz für die Kastenwagen-großen Magneten, der in der Halle der Kernphysiker zur Verfügung steht, war bis zu dieser Woche besetzt. „Um einen Dipolmagneten vorzubereiten, brauchen wir zwei Plätze. Wir müssen das Oberjoch abheben und an einer anderen Stelle abstellen, um das Vakuum-Strahlrohr installieren zu können, das zwischen Ober- und Unterjoch verlaufen soll“, erklärte Tölle.

Seit die Magnete Nummer 25 und 26 ausgeliefert sind, ist wieder genug Platz, um die großen Magnetblöcke in Tetris-Manier mit dem in die Deckenkonstruktion eingebauten Schwerlastkran zu verschieben.

„Jetzt wartet wieder ein ganz ordentlicher Haufen Arbeit auf uns“, sagte Tölle. Ein weiterer Magnet sei noch fertig, fehlen also 19, die jetzt installiert werden. Und zwar auf den Zehntelmillimeter genau. Millimeterarbeit ist also noch untertrieben. Die Sorge, dass sich an den installierten Magneten beim Transport etwas verziehen könnte, haben die Jülicher Forscher nicht. Mehrfach schon sind sie in Darmstadt gewesen, um die Magnete nach dem Transport noch einmal auszumessen.

„Wir liegen damit trotz der Transportprobleme weiterhin im Zeitplan“, erklärte Tölle. 2020 soll Spatenstich sein, 2021 soll die Installation der Magnete beginnen.

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