Jülich: Inklusion: Lehramtsanwärter lernen Handicaps am eigenen Leib kennen

Jülich: Inklusion: Lehramtsanwärter lernen Handicaps am eigenen Leib kennen

Inklusion — ein großes Thema. Ein gesellschaftlicher Umbruch steht an. Die Schulen gehen voran, sind nach der heutigen Rechtslage gefordert sich der neuen Aufgabe zu stellen. Aus diesem Anlass veranstaltete das Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in Jülich erstmalig einen „Thementag Inklusion“.

Vorträge und Workshops richteten sich an Lehramtsanwärter an Haupt-, Real- und Gesamtschulen sowie Fachleiter des Zentrums. Dr. Ansgar Stracke-Mertes, freiberuflicher Berater und Supervisor, führte im Auftrag der Montagsstiftung, die sich für die Entwicklung einer humanen Gesellschaft einsetzt, in das Thema ein. Er erklärte, was mit Inklusion gemeint sei. Er beschrieb die Entwicklung von der Exklusion, der Ausgrenzung, zur Separation, der ersten Beschulung und schließlich der Integration.

Die Inklusion erfordere eine Veränderung des Schulsystems und — das ist wichtig — wende sich der Vielfalt und Teilhabe positiv zu. Gleichzeitig stellte Stracke-Mertes heraus, dass Vielfalt an den Schulen die Norm sei, die Homogenität ein Mythos. Er zitierte den Sonderpädagogen Otto Speck: „Behinderung ist nichts anderes als eine Variante des normalen Seins“, und forderte die Lehramtsanwärter auf: „Inklusion muss ein Selbstverständnis ihres professionellen Selbstbildes und eine Form der Selbstverständlichkeit sein.“ Die Sonderschulförderung sei zwar gut, beinhalte jedoch Diskriminierung und eine Chancenungerechtigkeit.

Anschließend stellten verschiedene Schulen ihre Konzepte vor, bevor weitere Vorträge und Arbeitsgruppen zum Thema angesagt waren. Nachdem viel theoretischen Wissen zur Inklusion vermittelt worden war, widmete sich der Workshop „GIPS-Projekt“ einer praktischen Erfahrung: Einer Sensibilitätsschulung für den Alltag von Menschen mit Handicap.

Mitarbeiter des Vereins Gips Spielen & Lernen gaben Einblicke. An diversen Stationen wurden Erfahrungen vermittelt. Wie fühlt es sich an, blind zu sein, im Rollstuhl zu sitzen oder keine Hände zu haben. Den Lehramtsanwärtern wurden die Augen verdeckt und mit einem Blindenstock auf die Treppe geschickt. An einer weiteren Station stand das Rollstuhlfahren an. Sie sollten einen Parcours absolvieren, durch eine schmale Tür fahren und verschließen. An der dritten Station stand Wissenswertes über Gebärdensprache und den Alltag von Gehörlosen auf dem Plan.

Kein Mitleid sondern Mitfreude

Der gemeinnützige Verein aus Kerkrade bietet seit Jahren Sensibilitätstrainings in den Niederlanden an. Im Zuge der Inklusion ist er zunehmend in Deutschland aktiv. Horst Boltersdorf, stellvertretender Vorsitzender und selbst seit sieben Jahren blind, sagt: „Wir wollen kein Mitleid, wir wollen Mitfreude“. Echte Inklusion sei, „wenn die Freunde feiern gehen und fragen, kommst du mit“?

Auf die Veranstaltung angesprochen, äußerten die Lehramtsanwärter Kritik. Nicht an der Veranstaltung selbst, die durchaus positiv angenommen wurde, sondern an der künftigen Aufgabe, der Umsetzung der Inklusion im Schulalltag. Denn: An der Uni gehöre die Inklusion noch nicht zur Ausbildung. Ein angehender Lehrer, der hier seinen Namen nicht lesen möchte, fühlt sich ins kalte Wasser geschubst. Er interpretiert den Auftrag an ihn so: „Die Inklusion ist da. Wir wissen zwar noch nicht, wie sie umgesetzt wird, aber machen Sie mal!“