Inden: Indener Liebespaar: Bedroht und blockiert

Inden: Indener Liebespaar: Bedroht und blockiert

Tawga Abdullas (25) Brüder haben versucht, Ari Taha (29) zu erschießen, weil er Christ ist. Es sollte ein Ehrenmord im Irak werden. Denn Tawga Abdullas Brüder wollten verhindern, dass ihre Schwester, eine Muslima, einen Christen liebt.

Soviel konnte das Paar aus dem Irak erzählen, neulich, in Inden, während ihre Hand in seiner lag. Beide sind froh, dass sie heute in Sicherheit sind und nicht mehr in einer Region leben, in der der Islamische Staat mordet. Aber glücklich sind sie nicht. Jetzt, in Deutschland, stehen nicht mehr der Krieg und ihre Brüder der Liebe im Weg. Heute verhindert die deutsche Bürokratie, dass das Paar aus dem Irak sich den Traum vom gemeinsamen Leben erfüllen kann. Es wäre möglich gewesen, möglich gemacht wurde es nicht. „Wir verstehen nicht, wo das Problem ist“, sagt er. „Wir wollen nur ein einfaches Leben, bei dem niemand mehr zwischen uns steht.“

Der Ehrenmord im Irak hat nicht funktioniert. In dem Moment, als die Schüsse fielen, hat sie sich in den Weg geworfen, sie wurde getroffen, schwer verletzt, hat aber überlebt. Er musste fliehen, weil er sich entschieden hat, Christ zu sein. „Die fünf Finger an einer Hand sehen alle unterschiedlich aus“, erklärt er mit einem Vergleich, dass er Unterschiede für normal hält. Vor einem Jahr, nach dem Mordversuch, ist er geflohen, einem Monat lang über die Balkanroute. Sie ist ein halbes Jahr später gefolgt, weil sie wusste, dass er es nach Deutschland geschafft hatte. Heute lebt er in Inden, sie ist bis Sonntag noch in einer Notaufnahmeeinrichtung in Wermelskirchen untergebracht. Am Montag muss sie umziehen, in ein Flüchtlingsheim der Stadt Wermelskirchen. Und das ist Teil des Problems. Denn alle Versuche sind gescheitert, die der Asylkreis Inden und einige Politiker aus der Gemeinde unternommen haben, die beiden zusammenzubringen.

„Die Gemeinde Inden hätte ihre Bereitschaft signalisieren können, dass sie Tawga aufnehmen will“, sagt Reiner Lövenich vom Asylkreis Inden. Das ist nicht passiert, Bürgermeister Jörn Langefeld erklärte in einer Ausschusssitzung Ende Juni, dass er das freiwillig nicht tun werde, weil er seine Gemeinde vor zusätzlichen Kosten schützen wolle. Von bis zu 100.000 Euro Zusatzkosten sprach Lange­feld. „So viel könnte es kosten, wenn ein Flüchtling sehr pflegebedürftig ist, was Tawga nicht ist“, sagt Lövenich. „Außerdem bekommt die Gemeinde den größten Teil vom Land erstattet.“ Statt der erhofften Unterstützung habe der Asylkreis nach Langefelds Bis-zu-Rechnung einigen Gegenwind aus der Bevölkerung erfahren.

Zweite Möglichkeit: Die Gemeinde Inden wusste nach einer Mitteilung der Bezirksregierung Arnsberg im Juni, dass sie bald neue Flüchtlinge aufnehmen muss, die aus einer Notunterkunft in eine Kommune zugewiesen werden. Tawga hätte in den kommenden Wochen oder Monaten eine davon sein können. Diesen Antrag wollte die Grünen-Ratsfrau Hella Rehfisch nach der Ausschusssitzung für die eine Woche später angesetzte Ratssitzung (29. Juni) stellen. Das sei — so Langefeld — nicht fristgerecht und eine Diskussion frühestens in der nächsten Ratssitzung möglich: Mitte September.

„Auch die Bezirksregierung Arnsberg hätte was machen können“, sagte Emmanuel Ndahayo, der Vorsitzende des Integrationsausschusses im Kreis Düren. „Sie hätten sie einfach Inden zuweisen können“, schilderte er die dritte Möglichkeit, die nicht genutzt wurde. Auch bei der Bezirksregierung hatte der Asylkreis vorgesprochen; vergeblich.

Jetzt ist sie zugewiesen worden, ab Montag heißt Tawaga Abdullas Wirklichkeit Wermelskirchen. Und daran ist erstmal nicht zu rütteln. Denn ein sogenannter Umverteilungsantrag habe jetzt nur noch Aussicht auf Erfolg, wenn die beiden verheiratet sind, sagt Lövenich. „Aus dem Irak fliehen sie, weil sie nicht heiraten dürfen. Und hier können sie nicht zusammen sein, weil sie nicht verheiratet sind“, sagte Daniel Müller Thor, der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Inden-Langerwehe. „Ich finde das bestürzend. Im Irak stehen ihnen die Brüder mit Waffen im Weg und bei uns die Bürokratie.“

Aufgeben wollen die Helfer des Paares nicht. Sie wollen prüfen, ob sie die Erlaubnis erwirken können, dass sich die beiden länger als nur für einen Tag besuchen dürfen. Und sie haben begonnen, Antworten auf die Frage zu finden, welche Papiere notwendig sind, damit Tawaga Abdulla und Ari Taha heiraten können. Die Suche wird lange dauern. Das wissen sie.