In Titzer Kita können Kinder einfach tun, was sie interessiert

Nominiert als Deutschlands „Kita des Jahres“ : In Titzer Zauberwelt können Kinder einfach tun, was sie interessiert

Gute Kitas gibt es überall. Das Prädikat gilt wohl für alle, in denen mit Herzblut gearbeitet wird. Aber was muss man tun, um unter 1600 Kindertagesstätten zum erlauchten Kreis der 25 zu gehören, aus dem die deutsche „Kita des Jahres 2019“ gewählt wird?

Eine Antwort hat Gerta Cremer aus Müntz auch nicht parat. Im Gegenteil, das Team um die Leiterin der Kita Zauberwelt in Titz war regelrecht platt, als die Nachricht vor einer guten Woche eintraf: Ihre Einrichtung gehört zur engeren Wahl. Aber die Antwort gab die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung: Auf das Konzept kommt es an.

„Wir haben zuerst befürchtet, dass wir als Kita in einer kleinen Landgemeinde nicht so ernst genommen werden“, berichtet Gerta Cremer von der anfänglichen Skepsis, sich überhaupt zu bewerben. Doch es gab einige Anstöße von außen, aus der Gemeindeverwaltung und vor allem aus der Elternschaft. Das verlieh dem Team den Mut, es einfach zu versuchen. Denn Titz mit etlichen jungen Baugebieten ist Zuzugsgemeinde, die von nicht wenigen Menschen aus dem Raum Neuss/Düsseldorf als Wohnort gewählt wird. „Viele staunen dann, dass sie hier eine ganz moderne pädagogische Konzeption vorfinden“, sagt die Leiterin.

Und wie sieht die aus? „Wir haben sie vor sechs Jahren auf den Weg gebracht und waren der Meinung, dass unsere enge Einteilung in Gruppen nicht mehr zeitgemäß ist“, erklärt Gerta Cremer. Stattdessen machen die Mädchen und Jungen jetzt einfach, worauf sie Lust haben, denn Angebote gibt es in der Zauberwelt mehr als genug. Sie bewegen sich nach einer kurzen Phase am Morgen in ihren Gruppen danach frei durch das ganze Haus. „Wenn sie Lust aufs Bauen haben, gehen sie in den Bauraum. Wenn sie etwas erforschen möchten, gehen sie in den Forscherraum mit seinem Wasserbereich“, zählt die Leiterin auf. Ein Abstecher in den Rollenspielraum ist ebenso möglich wie ein Besuch im Atelier- und Werkraum, der Zahlenwerkstatt, dem Kindercafé oder dem Licht- und Ruhebereich. Kurzum: „Wir sehen die Kinder als Konstrukteure ihrer selbst“, sagt Gerta Cremer.

Dieses Konzept stellt neue Anforderungen an die Fachkräfte – in der „Zauberwelt“ gibt es 19. „Es ist wichtig, dass die Erzieherinnen eine andere Haltung bekommen. Sie sind nicht mehr Alleinunterhalter, sondern mehr Impulsgeber“, erklärt die Chefin des Teams. Und alle Erzieherinnen müssen alle Kinder kennen. 107 Mädchen und Jungen von zwei bis sechs Jahren besuchen die Einrichtung, die bei 100 Plätzen damit „überbucht“ ist. Das war schon ein Zugeständnis an den Kreis Düren als Träger der Jugendhilfe, sagt Bürgermeister Jürgen Frantzen, denn es gab 140 Anmeldungen. Das wird sich durch die Nominierung für den Preis „Kita des Jahres“ sicher noch verschärfen, aber baulich sieht der Verwaltungschef nach mehreren Erweiterungen nun keinen Spielraum mehr.

Er freut sich über „diesen Erfolg des Kita-Teams“, der es in erster Linie sei – neben dem Engagement zahlreicher Eltern. Auch die Titzer Verwaltung unterstützt die gemeindeeigene Einrichtung, wo immer sie kann, es gibt feste Ansprechpartner, die bei allen Terminen dabei sind. Es gibt laut Frantzen nicht nur eine örtliche „Nähe“ zur Kita, sondern eine bewusst ideellle. Jürgen Frantzen sieht das als ureigene Aufgabe einer Kommune, die bei der Vermarktung von Baugebieten den Interessenten nicht nur bei Grundstückskauf und Bau zur Seite stehe, sondern auch deren Kindern eine Betreuungskette von der Kita über die Primusschule bis zum Jugendparlament anbiete. „Wir versuchen, die Eltern so früh wie möglich abzuholen. Und von denen hören wir, dass das ein Ansiedlungsargument sei“, erklärt der Bürgermeister, der deswegen eine Entwicklung im Kreis mit einem weinenden Auge sieht.

Denn immer mehr Kommunen überlegen aus Kostengründen, ihre Kindergärten in die Trägerschaft des Kreises zu geben. Die seien dort sicher auch gut aufgehoben, aber im Fall von Titz „passt das nicht in die Betreuungskette, in die Verzahnung“, findet er. Jürgen Frantzen hofft, dass die Kinderbetreuung „von Finanzpolitikern“ nicht nur vor dem Hintergrund einer Haushaltsentlastung betrachtet wird. Mit jeder Kommune, die aber Kitas abgibt und ihren Trägeranteil nicht mehr zahlt, werde die Belastung der anderen höher. Im Moment könne sich Titz das eigenverantwortliche Vorgehen noch leisten.

Jetzt unterstützt die Verwaltung tatkräftig das Kita-Team, denn im Rahmen der Preis-Nominierung müssen nun bis Ende Januar noch zahlreiche Detailfragen der Juroren beantwortet werden. Die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung ermittelt auf dieser Basis die zehn Finalisten, die die Experten danach vor Ort unter die Lupe nehmen, um die Sieger festzulegen. Platz 1 ist mit 25 000 Euro dotiert. Gerta Cremer sieht das locker: „Wir geben unser Bestes, aber für mich haben wir jetzt schon gewonnen.“

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