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Jülich/Berlin: In der ganzen Republik sind Straßen und Plätze nach Jülich benannt

Jülich/Berlin : In der ganzen Republik sind Straßen und Plätze nach Jülich benannt

Heinz-Günther Kieven war wie elektrisiert, als er den Warnhinweis des Rundfunks Berlin-Brandenburg zum ersten Mal hörte — und dann an diesem Tag immer wieder: „Gasaustritt bei Bauarbeiten in der Jülicher Straße“. Bitte wo? Da wurde ihm erstmals nach fünf Jahren bewusst, dass in seiner neuen Heimat Berlin eine Straße nach seiner alten Heimat Jülich benannt ist.

Aufgrund der geschichtlichen Bedeutung der Stadt und des Herzogtums ist das in weiten Teilen Nordrhein-Westfalens sicher keine große Überraschung. Aber in Berlin? Und in Nürnberg? Auch dort gibt es sie — wie in über 50 Städten und Gemeinden in Deutschland: meist als Straße, mal als Jülicher Gasse oder Weg (in Bremen), aber auch als Jülicher Ring (in Swistal, Nörvenich und Euskirchen) oder Platz (in Erftstadt). Düsseldorf hat sogar eine Jülicher Brücke.

Kieven meldete sich stehenden Fußes in unserer Redaktion, um sich kurz darauf vor Ort umzusehen. Dazu fuhr er mit der S-Bahn in den Norden der Bundeshauptstadt, in den Stadtteil Gesundbrunnen (ehemals Bezirk Wedding), wo die Jülicher Straße zu finden ist — seit 1910. Sie liegt genau zwischen zwei historischen Punkten Berlins: im Norden führt sie auf die Bornholmer Straße, wo sich am 9. November 1989 der erste innerdeutsche Grenzübergang öffnete: auf der Bornholmer oder Boese-Brücke.

Im Süden führt die Jülicher Straße auf die Behmstraße. Dort befand sich das frühere Stadion von Hertha BSC namens „Plumpe“, dort feierte die damals noch gar nicht so „alte Dame“ in den 30er Jahren ihre ersten (und bislang einzigen) Deutschen Meisterschaften. Viele Jahrzehnte später sollte es im DFB-Pokal zu einem Aufeinandertreffen zwischen Hertha und dem SC Jülich kommen. Im Wettbewerb 1991/92 bezwangen die „Zehner“ den Bundesligisten (2:1).

Heinz-Günther Kieven ist in Jülich kein Unbekannter, denn er war der erste Geschäftsführer der „Jülich Info“ im Kulturhaus am Hexenturm in den 90er Jahren. Von daher weiß er um die reiche Geschichte der Herzogstadt und hatte eine Vermutung, warum es in Berlin eine Straße nach Jülich benannt ist: „Für mich liegt eine Beziehung auf der Hand, weil es in Jülich und Spandau Zitadellen gibt.“

Das allerdings schließt der historische Experte Jülichs, Guido von Büren, auf Nachfrage aus. „Das ist Zufall. Zitadellen waren zu dieser Zeit einfach en vogue, in Mode. Die beiden Erbauer der Spandauer Zitadelle waren zwar auch Italiener, haben aber beide Pasqualini nicht gekannt“, sagt der Vorsitzende des Geschichtsvereins zum Jülicher Festungs- und Stadtarchitekten der Renaissance.

Eine verwickelte Erb-Geschichte

Und von Büren bietet eine Erklärung für die Beziehung zwischen der alten Herzog- und der Bundeshauptstadt, die auch auf den Internetseiten über die geschichtliche Bedeutung Berliner Straßennamen bestätigt wird. Das Adelsgeschlecht der Brandenburger habe im 17. Jahrhundert „aus dynastischen Gründen“ Ansprüche auf das Jülich-Klevische Herzoghaus geltend gemacht, ist da zu lesen.

„Das ist eine verwickelte Geschichte“, beschreibt Guido von Büren einen Konflikt, der über fast 200 Jahre nicht gelöst wurde und es als „Jülich-Klevescher Erbfolgestreit“ in die Geschichtsbücher geschafft hat.

Kurz gefasst: Kaiser Karl V. stattete Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg Mitte des 16. Jahrhunderts mit einem besonderen Privileg aus. Nicht nur die Söhne, sondern auch die ältesten Töchter waren erbberechtigt. Nach dem Tod von Wilhelms Sohn Johann-Wilhelm 1609 und dem Tod der ältesten Tochter Maria Eleonore ein Jahr zuvor, machte der Kurfürst von Brandenburg Erbansprüche geltend. Er hatte mit Anna die älteste Tochter von Maria Eleonore geheiratet. Allerdings hatte deren Mutter noch drei Schwestern.

Letztlich blieb die Erbfrage fünf Jahre ungeklärt, bis im Vertrag von Xanten 1614 festgelegt wurde, dass Brandenburg die Kleveschen Gebiete zugesprochen bekam, während die Besitztümer Jülich und Berg an das Haus Pfalz-Neuburg fielen. Zufrieden waren die Brandenburger aber nie mit diesem Kompromiss. „Sie haben bis ins 18. Jahrhundert immer wieder um Überprüfung der Erbansprüche gebeten“, berichtet Guido von Büren. Am Ende war dieser Erbstreit nach seiner Auffassung sogar ausschlaggebend dafür, dass das Rheinland als Ganzes beim Wiener Kongress 1815 an Preußen fiel. Das macht auch der anfängliche Name deutlich: „Gouvernement der vereinigten Herzogtümer von Jülich-Kleve-Berg“.

Geografischer Art dürfte der Anlass für die Stadt Nürnberg gewesen sein — bis ins 19. Jahrhundert eine freie Reichsstadt — , eine Jülicher Straße zu beschildern, denn hier gibt es laut Stadtplan ein regelrechtes rheinisches Viertel, in dem auch Köln, Düsseldorf und andere vorkommen.

Über 50 Straßen in der Republik sind der Herzogstadt gewidmet, aber nur eine hat gleich zwei: Die in inniger Beziehung verbundene Stadt Düren widmet dem Nachbarn eine „Alte“ und „Neue Jülicher Straße“. Aber das ist ja an dem Ort, der seinen Ursprung in der römische Siedlung Juliacum hat, nicht anders: auch hier gibt es zwei Dürener Straßen.