Jülich: Im Mittelalter verschwunden: Lorsbeck

Jülich: Im Mittelalter verschwunden: Lorsbeck

Es steht ein Turm im Nirgendwo. Jedenfalls steht er im Busch, direkt am Mühlenteich, der ein Bach ist und teilweise parallel zur Landstraße 253 verläuft, die das Jülicher Heckfeld mit der Altenburger Kreuzung auf der Bundesstraße 56 verbindet.

Die Radfahrer sehen ihn auf dem Weg von Jülich Innenstadt in Richtung Selgersdorf. Der einsame Turm ragt, mittlerweile von Gestrüpp umwuchert, da in die Luft, wo jene L 253 erst die Bahntrasse des Bundeswehr-Instandsetzungswerks überquert und dann eine steile Kurve macht. Der Turm, der mit Hahn auf der Spitze aussieht wie ein vergessener Kirchturm, ist das letzte Zeugnis von Lorsbeck, einem Dorf aus dem späten Mittelalter, das zur Hochzeit des Jülicher Herzogtums verschwunden ist.

Hinweisschild am Rand des Fahrradwegs: Unvermittelt bietet sich dem Passanten der Anblick des Turms. Foto: Guido Jansen

1989 schreibt Octavia Zanger im Buch „Baudenkmäler der Stadt Jülich“, dass Lorsbeck ein Dorf gewesen sei, das früher Loirspeck geheißen habe und um einen Adelssitz herum entstanden sei. Im 14. Jahrhundert, also im Spätmittelalter, soll das gewesen sein. Im Buch „Jülich unter Denkmalschutz“ des Bürgerbeirates Historische Festungsstadt von 2013 steht außerdem, dass der Gutshof zudem von einem Wassergraben umgeben gewesen sein soll, der aus dem Mühlenteich gespeist worden war.

Brabanter Fehde

Zanger schreibt von einem Dorf, dem Adelssitz und einem herzoglichen Hof. „Im 14. Jahrhundert befindet sich der Rittersitz Lorsbeck im Besitz des gleichnamigen Geschlechts; im Jahre 1473 ist Johann von Harff Eigentümer des Anwesens; Theodor von Rossum (gestorben 1793) und seine Frau Maria Anna von Locquenghien zu Laach gaben dem Bauwerk die Gestalt, die auf alten Darstellungen überliefert ist“, heißt es bei Zanger weiter. So soll von Rossum auf den Fundamenten eines Vorgängerbaus ein backsteinernes Herrenhaus errichtet haben.

Das Dorf gibt es da schon lange nicht mehr. „Das übrige Dorf jedoch wurde vermutlich in der Brabanter Fehde des Jahres 1542 niedergelegt“, also im Streit zwischen dem mächtigsten Jülicher Herzog überhaupt, Wilhelm V., genannt ‚der Reiche‘ und Herzog Wenzel von Luxemburg und Brabant, einem Bruder des deutschen Kaisers Karl, mit dem sich Wilhelm im Krieg wegen des Anspruchs auf die Herrschaft im Herzogtum Geldern befand. Klingt kompliziert, war es auch. Was übrig blieb waren der Adelssitz und der Hof. „Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gutshaus komplett zerstört und auf den alten Fundamenten wieder aufgebaut“, sagt Jülichers ehemaliger Bürgermeister Dr. Peter Nieveler.

Altes Kellergewölbe

Allerdings hatte der Neubau bis auf den Grundriss nicht viel mit dem Vorgänger gemein. „Da war dann auch nicht mehr so viel denkmalschutzwürdig“, erinnerte sich Nieveler. Mittlerweile befindet sich das Anwesen im Besitz der Zuckerfabrik. Interesse, das neu aufgebaute Gutshaus weiter als Wohnimmobilie zu betreiben, hat es offenbar nicht gegeben. So wurde das Haus vor einigen Jahren abgerissen. Teile des ursprünglichen Kellergewölbes existieren allerdings noch, verborgen tief im Gebüsch. Der Turm blieb stehen, er steht unter Denkmalschutz.