Jülich-Selgersdorf: Im Jülicher Süden erwartet der Feuertod den Strohmanes

Jülich-Selgersdorf: Im Jülicher Süden erwartet der Feuertod den Strohmanes

„Et Sönnche sching“ beim Umzug der fröhlich preckenden und singenden Strohmänner, Strohfrauen und -kinder am Veilchendienstag. Sie zogen durch die südlichen Stadtteile Selgersdorf, Altenburg, Daubenrath über den Schopenhof und wieder zurück.

An prädestinierten Orten im Dorf, wo etwa Anwohner draußen ein Tischchen mit Berlinern, Muzen, Bier und Schnaps für die vorbeiziehende Truppe vorbereitet hatten, stellten sich die blau-weißen Strohmänner auf und umwanderten das Wurftuch. Die Besenträger umkreisten die Gruppe in zweiter Runde und entgegengesetzter Richtung.

Der recht heisere Aufrufer sang die Wehklage: „Als Lazarus gestorben war, da weinte die Anna Susanna, die Phileppina, die Schmitzemina...“. Dann spielte das zu diesem Anlass bunt zusammengewürfelte Musikcorps unter Leitung von Chris Wergen einen Tusch. Die Werfer nahmen mehrfach Schwung, bevor der Strohmanes unter allgemeinem Jubel gen Himmel gepreckt und wieder sicher im Wurftuch geborgen wurde — zumindest meistens. War das nicht der Fall, beklagten die Musiker das Misslingen mit kläglichen Tönen. Im Anschluss wiederholte die Kindergruppe das Prozedere und erntete Applaus für gutes Gelingen.

Das Prinzenpaar der Strohmänner, Birgit Eßer (IV.) und Helmut Eßer (I.) beteiligten sich spontan beim Precken oder streckten ihre Zepter gleichzeitig mit den Besen gen Himmel. Die Gruppe, die morgens mit dem Bus nach Altenburg aufgebrochen war, vermehrte sich beständig. Am Nachmittag war die Gruppe in etwa auf das Doppelte angewachsen. Nach guter alter Tradition nahm das kurze Leben des aus langhalmigen Rohstroh gefertigten Strohmanes mit dem Verbrennungstod an der Kirche in Selgersdorf ein emotionales Ende.

Das Preckbrauchtum in Selgersdorf wurde am Rosenmontag vor 52 Jahren in Anlehnung an das der Historischen Gesellschaft Lazarus Strohmanus in Jülich ins Leben gerufen. Weil das Karnevalsbrauchtum in den südlichen Stadtteilen tot war, zogen spontan Männer in mit Mühlstroh ausgestopften Monteuranzügen durch den Ort. Bereits am nächsten Tag verfeinerten sie ihr neues Brauchtum mit einem Strohmanes im Monteuranzug und einem gefüllten Strumpf als Gesicht. Das sogenannte „Nationallied“ des großen Bruders in Jülich übernahm man in großen Teilen als „Strohmanes“-Ruf. Aus dem Tod durch Ertrinken in Jülich wurde in Selgersdorf der Feuertod, ist doch die Rur „zu weit weg“.

Im emotionalen Trauermarsch kehrten die Strohmänner abends im Lokal „Herzig Bube“ ein, um mit reichlich Flüssigem ihren Verlust zu betäuben.

(ptj)
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