Im Jülicher Brainergy-Park soll Forschung Laufen lernen

Vorzeigeprojekt : Brainergy-Park: Forschung soll Laufen lernen

Enthusiasmus ist das passende Wort und beschreibt schon seit Wochen die Stimmung rund um den geplanten Brainergy-Park in Jülich. Dessen Macher sind gefragte Gesprächspartner in Düsseldorf und Berlin.

Während die die Verantwortlichen des geplanten Brainergy-Parks in Jülich noch vor drei oder vier Jahren vorwiegend Fragen beantworten mussten, was denn bitteschön unter diesem Namen zu verstehen ist, sind die beiden Geschäftsführer Frank Drewes und Professor Bernhard Hoffschmidt nun sehr gefragte Gesprächspartner in Düsseldorf und Berlin. Selbst die Kanzlerin hat schon davon gehört. Das Gewerbegebiet mit dem innovativen Kern ist im Moment das Vorzeigeprojekt für den Strukturwandel, weil dessen Planung schon so weit fortgeschritten ist. Bis zum Herbst spätestens kann’s losgehen. Insofern treten die Geschäftsführer nicht als um Fördergelder Bittende auf, sondern werden selbst gebeten, ihr Vorhaben möglichst schnell als schon detaillierten Projektantrag einzureichen.

Genau das ist auf Wunsch des NRW-Wirtschaftsministeriums nun geschehen. „Das ist ein großer Fortschritt für uns und war in den letzten sechs Wochen sehr ambitioniert. Wir haben das in Kooperation mit unseren Partnern geschafft“, erklärt Frank Drewes. Und Bernhard Hoffschmidt ergänzt: „Wir mussten unsere Partner bremsen.“

Drei Versorger und RWTH

Partner sind zum Beispiel drei Energieversorger (Stawag Aachen, Stadtwerke Jülich und Innogy). Oder die Wissenschaftseinrichtungen Forschungszentrum, Fachhochschule Aachen, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt und das Aldenhoven Testing Center. Neu in diesem Kreis ist das EON Research Center der RWTH Aachen. Gemeinsamkeit aller: Sie wollen auf und im Brainergy-Park eigene Projekte umsetzen.

Das ist zum Beispiel möglich beim geplanten Versorgungsring mit allen wichtigen Leitungen und ein „bisschen“ mehr. Inzwischen ist ein begehbarer Infrastrukturkanal geplant, der neben Gas, Strom, Wasser und Abwasser auch ein Wärme- und Kältenetz enthält. Sie sollen als Pufferspeicher für überschüssige Energie genutzt werden. Hier werden keramische Kacheln erhitzt, und eine „Wärme-Kraft-Maschine“ kann hieraus wieder elektrische Energie „herausholen“. „Wir können hier im Kleinen umsetzen, was das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt und RWE im Großen planen: ein Wärmespeicherkraftwerk“, sagt Professor Hoffschmidt.

Neben der Erschließung der „normalen Gewerbeflächen“ könnte als erste Maßnahme des modernen Zentralbereichs in diesem Jahr der Bau des „Brainergy Starters“ beginnen. „Das ist eine große Immobilie mit einem Testspeicher“, erklärt Frank Drewes, die in Kooperation mit dem Technologiezentrum Jülich um einen „Gründerhof“ erweitert und ausgestaltet werden kann. Hier bestehe für Menschen mit handwerklich-technischen Berufen, die vom Strukturwandel betroffen sind, ein Angebot, sich in kleinen Modulen zu überschaubarer Miete selbstständig zu machen.

Ein weiteres prominentes Projektbeispiel heißt „Feld-Technikum“ und könnte nach Angaben der Geschäftsführer sehr schnell starten. Auf kleinen landwirtschaftlichen Flächen werden Roboter und Drohnen bei der digital gesteuerten Freiland-Arbeit getestet. Dieses Vorhaben aus der Bioökonomie betreibt Professor Ulrich Schurr derzeit vorwiegend in Gewächshäusern auf dem Campus des Forschungszentrums, also im Labormaßstab.

Freuen sich über den Erfolg des Projektes: Die Brainergy-Geschäftsführer Frank Drewes (r.) und Bernhard Hoffschmidt. Foto: Guido Jansen

Kurzum: Ob in der Energiewende, der Digitalisierung oder beim Techniktransfer in die Landwirtschaft – im Brainergy-Park soll die Forschung Laufen lernen unter Realbedingungen und vor allem unter Schaffung von Arbeitsplätzen: als Reallabor für kleinere Unternehmen. Daher soll alles – von der Versorgungs-Infrastruktur bis zum Zentralgebäude „Hub“ (Hoffschmidt: „Das modernste Gebäude, das man sich vorstellen kann“) so geplant und gebaut werden, das schnelle Umbauten und Veränderungen möglich sind. Bernhard Hoffschmidt: „Wir legen das System so aus, dass Dinge reinkommen, die nicht perfekt sind – kleine Störenfriede.“ Denn das Herz des Brainergy-Park soll mit Blick auf weitere technische Revolutionen nie aufhören, sich zu verändern.

Das alles kostet zig Millionen, die nur über eine Förderung von „90 Prozent plus“ aufzubringen sind. Inzwischen summieren sich die Jülicher Pläne auf rund 70 Millionen Euro. Dazu stehen demnächst viele Gelder nach der Empfehlung der Kohlekommission im Abschlussbericht zur Verfügung, wenn Bund und Länder den Vorschlägen folgen. Der Brainergy-Park ist im Bericht mehrfach erwähnt und zählt laut Frank Drewes und Bernhard Hoffschmidt aber zu den Projekten des 150-Millionen-Euro-Sofortprogramms.

Unabhängig davon wurde gestern bekannt, dass der Park zu den zehn von einem Gutachtergremium empfohlenen Projekten in NRW gehört, mit denen Landesregierung und EU die Entwicklung neuer Wirtschaftsflächen fördern will. Insgesamt stehen 18 Millionen Euro zur Verfügung.

Mehr von Aachener Zeitung