Hambacher Forst als Symbol des Umdenkens

Wiederholte Forderung : Hambacher Forst als Symbol des Umdenkens

Die Zeit des Protests gegen die RWE-Pläne, den Hambacher Forst abzuholzen, muss enden, wenn der Wald gerettet ist. Die Zeit für den Prozess danach muss kommen. So hat Superintendent Jens Sannig die Position des Kirchenkreises Jülich formuliert, in dem 19 evangelische Gemeinden zwischen Wassenberg und Düren zusammengefasst sind.

Der per Gerichtsbeschluss vorläufig von der Rodung verschonte Rest des Hambacher Forstes soll demnach zum Symbol für den Kampf gegen den Klimawandel werden.

Die Haltung des Kirchenkreises Jülich ist schon lange bekannt: Gegen die Rodung des Hambacher Forstes, für einen schnellstmöglichen Ausstieg aus der Braunkohle als Energieträger. Daran hat sich laut Sannig nichts geändert, sagte er im Rahmen eines Gesprächs über den Zwischenbericht der Kohlekommission, der in dieser Woche veröffentlicht wurde. Bis zum Ende des Jahres soll die Kommission erörtern, wann Deutschland aus der Braunkohleverstromung aussteigt. Dass sie in ihrem Zwischenbericht Punkte aufgreift, die der sogenannte Koordinierungskreis Strukturwandel im Rheinischen Revier in einem Papier formuliert hat, wertet der Kirchenkreis als Erfolg. Er gehört neben mehr als 20 anderen Zusammenschlüssen und Initiativen aus der Region zu den Verfassern des Papiers.

Sie fordern, dass nur noch so viel Braunkohle abgebaut werden darf, wie es mit den Klimaschutzzielen für das Jahr 2050 vereinbar sei. Das gelte nicht nur für den Tagebau Hambach, sondern für das gesamte Rheinische Revier und bedeutete automatisch einen Ausstieg aus der Braunkohle, der so früh wie möglich kommt. „Wir in Deutschland reißen seit Jahren alle Klimaschutzziele, die wir uns selbst gesetzt haben. Dem dürfen wir uns nicht entziehen“, sagte Sannig. „80 Prozent der Kohle, die eigentlich noch abgebaut werden soll, müssen in der Erde bleiben, damit wir die Klimaschutzziele für 2050 noch erreichen können“, schilderte Sannig die Sicht des Kirchenkreises. Der Hambacher Forst könne zum Symbol für ein Umdenken rund um die Tagebaue Garzweiler II, Hambach und Inden werden.

Obwohl er sich damit eindeutig auf einer Seite positioniert, will der Kirchenkreis eine Brücke bauen zu denen, die dem schnellstmöglichen Ausstieg aus der Braunkohle skeptisch gegenüberstehen. Drastisch hatte sich der Diözesanrat des Bistums Aachen geäußert, der den Braunkohletagebau als „menschenverachtend“ bezeichnete. „Das ist ist nicht unser Duktus“, sagte Sannig. Der Tagebau sei ein massiver Eingriff und stehe dem Ziel entgegen, die Schöpfung zu bewahren. „Aber es gab eine Zeit dafür. Braunkohle ist politisch und gesellschaftlich getragen worden. Jetzt aber ist eine neue Zeit mit neuen Erkenntnissen.“ Und in die wolle man alle Menschen aus einer zerstrittenen Region mitnehmen.

Das funktioniere am besten mit Ehrlichkeit. Zwei Drittel der RWE-Belegschaft, die in der Braunkohle arbeite, sei über 50 und brauche keine Sorge zu haben, dass ihre Stellen wegen eines möglicherweise vorgezogenen Ausstiegs wegfallen. Und den jüngeren, hoch qualifizierten RWE-Mitarbeitern böten sich auch nach dem Ausstieg große Chancen. Vor allem in dieser Region, in der unter anderem mit dem Forschungszentrum Jülich oder der RWTH Aachen das Wissen vorhanden sei, wie der Energie- und Strukturwandel funktionieren kann. „Wir können hier mehr Arbeitsplätze schaffen, als wir mit der Braunkohle verloren haben. Das Beispiel des Steinkohleausstiegs in Hückelhoven zeigt das“, sagte Sannig.

Wichtig sei, dass das Rheinische Revier mit einer Stimme spreche, wenn es um milliardenschwere Fördergelder des Bundes geht. Einzelne Kommunen und Verbände hätten einen schwereren Stand. Auch die Stimme des Kirchenkreises alleine sei nicht stark genug, könne aber laut Sannig eine vermittelnde Rolle spielen.

Eine der großen Aufgaben aktuell sei es, die Kluft zu überbrücken, die im Streit um die Braunkohle in der Bevölkerung entstanden sei. „Wir haben noch keine Antwort darauf, wie wir den sozialen Frieden wiedergewinnen können. Aber eines ist klar: Wir alle müssen die extremen Positionen beiseite legen“, erklärte Sannig, als er auf das radikale und kriminelle Vorgehen einiger Braunkohlegegner angesprochen wurde. „Gewalt gegen Dinge und vor allem gegen Menschen - das lehnen wir deutlich ab.“ Zudem kritisierte er NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU), der sich auf einer Gewerkschaftskundgebung zu einseitig auf der Seite von RWE positioniert habe. „Auch das ist dem sozialen Frieden hier nicht dienlich“, sagte Sannig.

(jan)
Mehr von Aachener Zeitung