Jülich: Grandiose Stimmen beim Jülicher Schlosskonzert

Jülich: Grandiose Stimmen beim Jülicher Schlosskonzert

Man hätte eine Stecknadel zu Boden fallen hören können beim vierten Jülicher Schlosskonzert. Die fünf stimmlichen Charaktere des Leipziger Vokalensembles „Amarcord“ haben ihr Publikum in der voll besetzten Schlosskapelle mit ihrem virtuosen und präzise aufeinander abgestimmten A capella-Gesang bezaubert.

„Eine Stimmkultur, die ihresgleichen sucht“, wie eine Konzertbesucherin schwärmte.

„Amarcord“ bedeutet im Dialekt der schönen italienischen Region Emilia Romagna „Ich erinnere mich“ und ist Programm für die fünf Männer, einst allesamt Mitglieder des Leipziger Thomanerchores, die bereits 50 Länder bereist und musikalische Stile, Genres und Zeiten erkundet haben.

Als Konzertthema hatten Wolfram Lattke und Robert Pohlers (beide Tenor), Frank Ozimek (Bariton), Daniel Knauft und Holger Krause (beide Bass) „Traumlicht“ gewählt. Roter Faden des Programms, jeweils Eröffnungs- und Schlussinterpretation jeder Konzerthalbzeit, waren Werke von Richard Strauss.

Der Komponist hatte mit seinem Zyklus „Drei Männerchöre“ diverse Texte von Friedrich Rückert vertont. Dazu zählte auch das namengebende Gedicht „Traumlicht“, mit seiner schlichten Tonsprache und eindrucksvollen Harmoniewechseln nicht nur nach Meinung des Ensembles eines der schönsten Stücke von Strauss.

Eine weitere passende Wahl war der Liedkomponist Franz Schubert, der als Begründer der Romantik gilt und zahlreiche Werke für Männerchöre geschrieben hat, darunter auch etliche A capella-Stücke. Aus seiner Feder brachte das Ensemble den kunstvollen Kanon „Mondenschein“ und den Zyklus „Vier Gesänge für vier Männerstimmen“ zu Gehör. Die Zuhöre wurden gebeten, diese „als Einheit zu betrachten“.

Ein willkommener Genrewechsel erfolgte mit dem venezianisch-karnevalistischen Tanz „Saltarelle“ aus der Feder des französischen „Universalgenies“ Camille Saint-Saëns. Besonders eindrucksvoll erlebten die Zuhörer hier die wundervoll klingende Vielfalt der menschlichen Stimme mit ihren Ober- und Zwischentönen und all ihren Nuancierungen.

Eine poetische Wendung erfuhr das Repertoire mit dem Zyklus des gefeierten bretonischen Komponisten Jean Cras „Dans la montagne“ (In den Bergen), der einen Tageslauf imaginiert. Mit dem Läuten der Glocke zur Messe begonnen, folgt die Tagesstrecke einer hin und her schaukelnden jungen Fichte, es wird Abend und Nacht. Am Ende ist wieder die (stimmlich interpretierte) Glocke zu hören.

Als fünfter Komponist des Abends wurde der Spätromantiker Max Reger, der das Volkslied in ein Kunstlied verwandelt, in den Themenkreis von Traum und Nacht eingebunden. Er ist im Übrigen eng mit Leipzig, der Heimatstadt der fünf Sänger, verbunden. Unterbrochen von Strauss „Liebe op. 42“ brachten die erstklassigen Vokalsänger acht anspruchsvolle renaissancezeitliche Lieder zu Gehör, die Reger in dynamische spätromantische Chorsätze mit verwickelter Harmonik verwandelt hat. Beispiele sind „Der Tod als Schnitter“ oder „Trutze nicht“, letzteres sogar in Ces-Dur.

Mit einem „Tanz durch die Tonarten“, nämlich dem Stück „Fröhlich im Maien“ aus „Drei Männerchöre“ von Strauss, endete ein fantastisches und begeistert beklatschtes Konzert mit einer bewegenden Zugabe.

Als Reminiszenz an eines ihrer größten Vorbilder verabschiedete sich „Amarcord“ mit dem schlichten Satz von Friedrich Silchers „Lebewohl“, den die Comedian Harmonists auf ihrer letzten gemeinsamen Einspielung darboten. Natürlich widmeten die Musiker ihre Zugabe auch Richard Strauss als einer durchaus ambivalenten Persönlichkeit des Nationalsozialismus.

(ptj)
Mehr von Aachener Zeitung