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Jülich: Glockengeläut erinnert an den Untergang

Jülich : Glockengeläut erinnert an den Untergang

Wenn am Dienstag um 15.28 Uhr das Glockengeläut der Innenstadtkirchen von Jülich einsetzt, wird Werner Breuer alles noch einmal erleben: den verheerenden Bombenangriff auf Jülich, der heute vor 60 Jahren die Stadt fast völlig zerstörte.

Breuer überlebte den Luftangriff, bei dem 467 alliierte Bomber 127.620 Brand- und Sprengbomben innerhalb von 22 Minuten warfen, nur mit knapper Not. Auch nach Evakuierung der Bewohner hielten sich noch Zivilisten in der Frontstadt auf. Etliche fanden den Tod, mit ihnen Soldaten und Zwangsarbeiter.

Breuer war an dem Morgen des 16. November mit seinem Freund und Nenn-Onkel Arthur Höhle - einem Steiger aus dem Ruhrgebiet, der eine Kolonne italienischer Kriegsgefangener beim Schanzen anleitete - auf den Weg zur „Arbeit”. Bei Altenburg sollten Schützengräben ausgehoben werden.

Für Kinder bedeutete Krieg „Abenteuer”, wie Breuer sich erinnert. Die Gefahren spielten noch keine Rolle. Das wurde nach und nach anders. Das Grauen rückte immer näher. Beschuss gehörte mittlerweile fast zum Alltag - und forderte täglich seine Opfer.

Nur eine von vielen Szenen, die sich in Werner Beckers Gedächtnis eingebrannt hat: Ein Gespann ist getroffen. Der Ackergaul und der Bauer sind tot. Die schweren Hufe des großen Tieres liegen auf den Kopf des Landwirts...

Am Morgen des 16. November löste ein einzelner Bomber gut sichtbar seine tödliche Fracht in gefährlichem Winkel über Werner Breuer und Arthur Höhle aus. Nur durch den Sprung in einen Graben entkamen die beiden der explodierenden Bombe. Viele Italiener ließen ihr Leben. Breuer bekam nun doch „Bammel” und wurde von Höhle nach Hause geschickt.

Untergebracht waren der Junge, drei Geschwister und die Mutter in einem Hof in Jülich-Kartaus, das zur Zuckerfabirk gehörte. Vater Jakob Becker war Soldat und zu dieser Zeit an der Front. Nur während der Kampagne wurde der Zuckerkoch vom Militärdienst freigestellt und als unabkömmlich in der Jülicher Fabrik eingesetzt.

Seltsame Ruhe herrschte beim Mittagsessen an jenem 16. November. Dann bricht das Inferno über dem Hof los. „Das war wie ein Erdbeben.” Volltreffer. Auch der Aufenthaltsraum, in dem sich der junge Becker mit anderen befindet, klappt zusammen.

Die Gruppe wird von Trümmern begraben. Über dem 13-Jährigen liegt ein anderer Bekannter, Richard. Aus eigener Kraft kommen sie nicht frei. „Ich hatte schon mit dem Leben abgeschlossen und dachte, ich würde ersticken. Ich habe gebetet”, berichtet der Zeitzeuge. Am besten wäre jetzt, einfach einzuschlafen...

Arthur Höhle hat den Angriff außerhalb der Stadt beobachtet. Wie von einer unseligen Ahnung getrieben, hetzt er zurück, findet die Trümmer, beginnt wie besessen, mit den bloßen Händen zu graben - und wird fündig.

Bis auf eine Hautabschürfung ist Werner Becker unversehrt. Die Freundschaft der beiden soll ein Leben lang halten. Der junge Becker macht nach dem Krieg seinen Weg, wird Dreher im Bahninstandsetzungwerk, später Lokführer. Aber immer, wenn er die Glocken am 16. November hört, ist alles wieder gegenwärtig.