Christina von Stommeln: Glaubenszeugnis oder Mittelalter-Hysterie?

Christina von Stommeln : Glaubenszeugnis oder Mittelalter-Hysterie?

Mit einer Oktav ehren Gläubige einmal im Jahr die seliggesprochene Mystikerin Christina von Stommeln. Sie gilt als einzige Frau im Mittelalter, die alle Wundmale Christi empfangen haben soll. Ist das glaubhaft oder mittelalterliche Hysterie?

Was ist heute zu halten von einer Frau, der Dämonen erschienen sein sollen, die angeblich plötzlich durch die Luft geschleudert wurde oder bei der aus dem Nichts Verletzungen sichtbar geworden sein sollen? Glaubt man einem solchen Menschen heute? Liefert man ihn in die Rheinischen Landeskliniken nach Düren ein? Die unerklärlichen Phänomene sind Teil der Überlieferung über Christina von Stommeln, die seliggesprochene Mystikerin, die in ihrem Geburtsort Stommeln, in Nideggen und in Jülich verehrt wird, da, wo ihre Gebeine heute in einer Kapelle in der Propsteikirche ruhen. Gestorben ist sie am 6. November 1312. Zu Ehren der Christina wird in der Propstei jedes Jahr die Christina-Oktav gefeiert. Diesmal beginnt sie am Sonntag mit der Erhebung der Reliquien in einer Festmesse ab 10.45 Uhr.

„Sie war ganz sicher eine besondere Frau“, sagt Jülichs Alt-Bürgermeister Peter Nieveler, Lehrer im Ruhestand und Historiker mit Doktor-Titel. Nieveler hat sich oft mit Christina beschäftigt und ist dabei immer ein kritischer Begleiter geblieben. „Die Mystik ist eine schwere Sache für den Verstand“, erklärt Nieveler, und: „Saulus ist vom Pferd gefallen, wurde zum Paulus und daraus ist die Kirche entstanden“, zieht er einen sehr verkürzenden Vergleich, der aber im Kern erklärt, was Mystik ist: Eine mit dem Verstand nicht greifbare Verbindung zu einem höheren Wesen.

Christinas von Mystik geprägtes Leben fällt mitten in eine Epoche, die nicht zufällig im Volksmund das „dunkle Mittelalter“ genannt wird. Dunkel, weil viele Wahrheiten im Verbogenen liegen, beweisen kann man sie nicht. „Sicher überliefert ist, dass Christina Verletzungen hatte, die man als die Wundmale Jesu sehen konnte“, sagt Nieveler. Im Dunklen liege die Entstehung der sogenannten Stigmata: „Sind sie göttlichen Ursprungs oder hat sie sie sich im Zustand einer Hysterie selbst beigebracht“, formuliert Nieveler eine Frage, auf die es nie eine Antwort geben wird.

„Ich habe immer wieder Zweifel an dieser Frau gehabt, ich habe auch manchmal über sie gestaunt. Aber ich glaube, dass da was war, verehrenswürdig war“, fasst Nieveler seinen Blick auf die Mystik zusammen. Seine Frau Elfriede fügt an: „Der Glaube kann nur demjenigen etwas sagen, der etwas hören will.“ Von der 1242 geborenen Christina gehe eine besondere Strahlkraft aus, versucht sich Peter Nieveler an einer Erklärung. Sie sei immer im Volk verehrt worden, bis heute. Das sei außergewöhnlich, vor allem, da es fast 700 Jahre gedauert habe, bis sie 1908 selig gesprochen wurde.

Rekonstruktion des Geschichts der Christina von Stommeln auf der Basis des Schädelknochens. Foto: Museum Zitadelle

Es gelte laut Nieveler als gesichert, dass die Gebeine das richtige Alter haben. Es gibt gut erhaltene Augenzeugenberichte als Quelle. Das hat Christina vielen anderen verehrten Persönlichkeiten und Gegenständen voraus. Macht spielte sicher eine Rolle im frühen Andenken an Christina: Die Jülicher Mächtigen holten ihre Gebeine zunächst nach Nideggen und dann 1592 nach Jülich. Eine Art Haus-Heilige als Status-Symbol und Einnahmequelle – der Pilgerströme halber. Das weiß auch Tom Gora, ehrenamtlicher Helfer in der Propstei, der in die Organisation der Christina-Oktav eingebunden ist. „Der Glaube der Menschen daran, dass Christina in ihrem Glauben so stark war, hat dafür gesorgt, dass sie bis heute nicht in Vergessenheit geraten ist“, sagt Gora. Das kann man als basisdemokratische Entscheidung der Gläubigen verstehen, dass das Andenken der Mystikerin weiterleben soll.

„Man kann sie aber auch als Vorbild für die Liebe zu Christus sehen“, sagt Josefine Meurer vom Gemeindeausschuss der Propsteikirche. Im Vertrauen auf Jesus habe Christina als junges Mädchen den elterlichen Hof verlassen und sei dem Ruf Christi gefolgt, der sie in ein Beginen-Kloster geführt habe. „Das war für ein Mädchen im Mittelalter sicher sehr ungewöhnlich“, sagt Meurer. Propst Josef Wolff fügt hinzu, dass er noch keine außergewöhnliche Begegnung mit Christina von Stommeln gehabt habe. „Aber ich sehe und verstehe, dass sie gläubigen Menschen über viele Jahrhunderte etwas gesagt hat und sagt.“

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