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Jülich: Gemischte Gefühle begleiten Reaktor auf seinem vorerst letzten Weg

Jülich : Gemischte Gefühle begleiten Reaktor auf seinem vorerst letzten Weg

Ein bisschen Spaß muss sein. „Wenn das hier nicht gepasst hätte, dann wäre ich abgehauen“, sagte Dieter Rittscher, der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Versuchsreaktor (AVR). Dann lächelte Rittscher. Denn die Möglichkeit hat nicht bestanden, dass irgendetwas nicht hätte passen können beim spektakulären Transport des ehemaligen Jülicher Hochtemperaturreaktors in sein vorläufiges Grab auf dem Gelände des Forschungszentrums.

Der Transport des über 2000 Tonnen schweren Reaktors war eine Maß- und Millimeterarbeit, die zuvor durchgeplant und geprobt worden war. 312 Räder hatte der Auflieger, auf dem der Reaktor gebettet war. Pfingstmontag um Punkt acht Uhr rollten die Räder los, mit einem halben Stundenkilometer in Richtung des vorläufigen Grabes. Zwei Stunden später war das große Einparkmanöver abgeschlossen, sogar ohne den Korrekturzug, den die Planer für alle Fälle mit eingerechnet hatten. Noch einmal eine Stunde später senkte sich das Rolltor, jetzt wird die Front der Halle mit einer massiven Betonwand versiegelt. Dann ruht der Reaktor so lange, bis es eine Technik und eine Idee gibt, wie die Altlast endgültig entsorgt werden kann. Bis zu 150 Jahre könnte die Lagerzeit sein, sagte Rittscher.

Das vorläufige Grab und der Reaktor darin seien sicher, so Rittscher. Selbst beim größten anzunehmenden Unfall — einem Flugzeugabsturz auf die Halle — bestehe keine Strahlengefahr für die Bevölkerung. Normalerweise erst recht nicht. „An manchen Stellen kann man mit der Nase direkt am Reaktor stehen, an anderen Stellen sollte man zehn Meter Abstand halten“, sagte AVR-Ingenieur Herbert Jansen. Während des Transports wurde die Strahlung ständig mit Dosimetern überwacht, von so genannten strahlenexponierten Personen, die sich damit auszeichnen, dass sie regelmäßig auf Strahlenbelastung untersucht werden.

Trotzdem verfolgten die vielen Zeugen den Transport mit gemischten Gefühlen. Mitarbeiter und Ehemalige der AVR waren gekommen, um diesen in ihrem Leben einmaligen Vorgang eines rollenden Reaktors zu erleben. „So etwas hätte ich mir damals nicht gedacht“, sagte Franz-Josef Grouls, der 1988, als der Reaktor außer Betrieb genommen wurde, Schichtleiter war und noch heute für die AVR arbeitet. „Ich bin stolz, dass alles so klappt, wie es sein sollte“, sagte Grouls. „Dieser Transport ist der Höhepunkt einer jahrelangen Arbeit.“ Ein Höhepunkt in einer Reihe von spektakulären Maßnahmen, um den Reaktor zu verlagern. 2008 wurde er mit Beton verfüllt, um die starke Reststrahlung im Inneren zu binden, da wo sich früher die radioaktiven Kugeln befunden haben. Vor einem halben Jahr wurde der über 2000 Tonnen schwere Koloss aus deinem Betonmantel geschnitten, anschließend aus der Halle gezogen und dann gekippt. Ein Grund zur Freude ist das Gelingen all dieser Schritte nicht. Denn wie es weiter geht — irgendwann einmal — ist unklar. Sowohl für den Reaktor, also auch für die Kugeln, die an anderer Stelle ebenfalls auf dem Gelände lagern.

„Die Technik, mit der hier transportiert wird, ist beeindruckend. Wer selbst schon mal einen Anhänger eingeparkt hat, der weiß, wie schwer das sein kann“, sagte der Dürener Grünen-Bundestagsabgeordnete Oliver Krischer, der sich sein „halbes politisches Leben lang mit dem Jülicher Reaktor“, beschäftigt hat. „Hier wird ein riesiger Aufwand betrieben. Aber damit wird das Problem nicht gelöst, sondern einfach nur ein paar hundert Meter weiter verlagert“, kritisierte Krischer.

Trotzdem setzte beim AVR-Team Erleichterung ein, als der Reaktor sein vorläufiges Grab erreicht hatte. Nicht aufgrund der Gewissheit, ein Problem endgültig gelöst zu haben. Das ist nicht der Fall. Auch nicht wegen der Sorge, dass etwas nicht hätte funktionieren können. Sondern schlicht, weil der Stress des Transports halber zuletzt immer mehr geworden war und mit dem Schließen des Rolltores endete. „Ich gönne mir am Abend sicher ein Glas Wein darauf, dass der Stress bald vorbei ist“, sagte Projektleiter Wilfried Hubrich, während der Reaktor noch rollte und sein Mobiltelefon im Minutentakt klingelte. „Das ist Gott sei Dank bald vorbei.“