Jülich: Gegen das Vergessen des Lagers Iktebach: 70. Jahrestag

Jülich: Gegen das Vergessen des Lagers Iktebach: 70. Jahrestag

„Wir wollen uns erinnern, sonst wird sich alles wiederholen“. Mit diesen Worten eröffnete Lorenz Koenen aus der Jülicher Pax Christi-Gruppe die Gedenkstunde am russisch-orthodoxen Kreuz in der Leo-Brandt-Straße, 70 Jahre nach dem Bombenangriff auf das Zwangsarbeiterlager Iktebach.

Dort lebten und litten 1500 verschleppte russische und polnische Zwangsarbeiter. Koenen rief den Luftangriff am 29. September 1944 in Erinnerung, bei dem Hunderte von Menschen starben: Die in Flammen stehenden Baracken, Männer, Frauen und Kinder, die schreiend aus dem Lager liefen, „verwundet, verstümmelt, mit angstverzerrten Gesichtern. Im Lager ein Bild des Grauens: Überall liegen zerfetzte Körperteile, überall das Stöhnen der Verletzten und Sterbenden. Nach dem Angriff werden die Toten in den Bombentrichtern begraben“.

Der polnische Überlebende Czeslaw Parchatko (r.) ist keineswegs verbittert, sondern als Brückenbauer unterwegs. Foto: Jagodzinska

Koenen formulierte einen Dialog mit den Toten, den Wunsch, „zu Euch zu sprechen, die Ihr hier in fremder Erde ruht“. Das Kreuz sollte als Zugang zu den Verstorbenen dienen, ihr Schicksal Mahnung sein. Koenens Resümee: „Zu selten haben wir uns bemüht, den gewaltfreien Weg in den Vordergrund zu stellen.

Mit unserem Erinnern versuchen wir es erneut“. Es folgten Gebete, unter anderem das Friedensgebet der Vereinten Nationen und das von Hörnern begleitete Lied „Ubi caritas et amor. Deus ibi est.“ (Wo Güte ist und Liebe, da ist Gott).

Eine neue Generation

Höhepunkt der Gedenkstunde war die Ansprache des heute 86-jährigen polnischen Überlebenden Czeslaw Parchatko. Auf Einladung der Pax-Christi-Gruppe war er einmal mehr aus Polen angereist und sprach an der Seite seines Kölner Freundes und Dolmetschers Siegfried Karpinski, der als Kind zehn Jahre lang in Polen lebte.

Als sechszehnjähriger Zwangsarbeiter wurde Parchatko Zeuge „des tragischen Vorfalls und fast sein Opfer. Dieses Ereignis darf nicht vergessen werden“, betonte der Überlebende in der Sprache seiner Unterdrücker. Fast vierzig Jahre seit Kriegsende sei in der Bundesrepublik Deutschland die Wahrheit über die Verschleppungen und das Schicksal der Zwangsarbeiter aus dem kollektiven Gedächtnis getilgt worden.

„Doch nun wächst in Deutschland eine neue Generation Menschen guten Willens heran, die dieses vergessene, aus dem Gedächtnis stets verdrängte Kapitel des Dritten Reiches aufarbeiten wollen“. Auch die positiven Veränderungen in den deutsch-polnischen Beziehungen in den letzten 20 Jahren ließ er nicht unerwähnt. Parchatko betonte, 70 Jahre ununterbrochener Friede und Wohlstand in Westeuropa seien keine Selbstverständlichkeit, wie die Kriegsgeschehnisse im Osten der Ukraine zeigten.

„Wir müssen Solidarität zeigen, nicht nur mit Worten und Gedanken, sondern auch mit Taten“. Die Gedenkstunde endete mit dem bewegenden Mundharmonikaspiels Karpinskis. Er interpretierte das Antikriegslied „Sag mir, wo die Blumen sind“, dessen Text Franz Bokich zuvor vorgetragen hatte.

(ptj)
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