Aldenhoven: Gedenkfeier: „Wir dürfen nicht mehr gleichgültig und still sein!“

Aldenhoven: Gedenkfeier: „Wir dürfen nicht mehr gleichgültig und still sein!“

Es ist in jedem Jahr ein ehrenvolles Gedenken, wenn sich in Aldenhoven viele Teilnehmer in Erinnerung an die Reichspogromnacht in der Krypta der Martinuskirche versammeln.

Auch für den evangelischen Pfarrer Charles Cervigne ist es „ein wichtiger Tag“, denn „wir wollen niemals vergessen, was damals geschah! Gerade weil in unseren Zeiten mit der Flüchtlingsproblematik wiederum Menschen diffamiert werden, können wir verstehen, was sich damals ereignet hat.“ Cervigne sieht „in der ideologischen Verfolgung der Juden Gräueltaten und Qualen, mit denen auch viele Mitbürger hier in Aldenhoven durch das nationalsozialistische Regime in den Tod getrieben wurden“.

Hoffnungsvolle Zeichen

Wenn nun die Nachfolgegeneration mit Konfirmanden und Schülern der Aldenhovener Gesamtschule mit „historischen Schlaglichtern“ und „Momenten der Vernichtung aus den Konzentrationslagern“ noch einmal an den Holocaust erinnern, so ist das für Pfarrer Cervigne auch ein „hoffnungsvolles Zeichen für die Zukunft“.

Mit dem Verlesen der Namen jüdischer Mitbürger machten sich die Jugendlichen zu „Paten der Erinnerung“: „Mein Pate, wenn er noch leben könnte in einer glücklichen Familie, würde ich viele glückliche Jahre wünschen!“ Es waren ergreifende Schicksale, mit denen „zurückgerufen“ wurde auf Menschen, die durch den Massenmord grausam sterben mussten.

In einem Grußwort sprach der Aachener Rabbiner Mordechai Bohrer von „einer Verantwortung“, die es „immer wieder zu stärken erfordert, gerade in den kommenden Generationen. Wir müssen diese Schicksale wach halten, deshalb danke ich euch allen, dass ihr gekommen seid, um dieses deutlich zu zeigen!“

Lichterzug zur Gedenkstele

Alle Teilnehmer formierten sich anschließend mit einem Lichterzug zur Gedenkstele im Römerpark. Hier sprach Bürgermeister Ralf Claßen von „einer besorgniserregenden Phase in Deutschland und Europa“. „Ich sorge mich um unsere Gesellschaft und den sozialen Frieden auch hier in Aldenhoven!“ Es gehe nicht um die Diskussion, wie viele Menschen wir als Flüchtlinge aufnehmen können! Claßen sprach von „Dingen, die ich niemals für möglich gehalten hätte“, und „die mich gerade an diesem Gedenktag nachdenklich stimmen!“

Er sprach von der „großen Masse der passiv Beteiligten“, von „Gleichgültigen“ und „von Menschen, die durch ihr Schweigen auffallen“. All diese „Fragen drängen sich auf, wenn das Erstarken extremistischer Tendenzen zu beobachten ist“. Erfreulich ist für den Bürgermeister, dass es in Aldenhoven „viele Engagierte und viele ehrenamtliche Helfer gibt. Aber wir müssen wach sein“, ergänzte er und das „Erstarken extremistischer Tendenzen im Auge behalten“.

Nach seiner Ansicht wurden zu viele Menschen während des Nazi-Regimes verschleppt, misshandelt und getötet. „Wir dürfen nicht mehr gleichgültig und still sein! Lassen Sie uns nicht schweigen hier in Aldenhoven und auch anderswo“, rief der Bürgermeister die Besucher der Gedenkveranstaltung auf. Claßen verwies abschließend auf das Wort „Lo Tischkach — Vergiss nicht“, das in die Stele gemeißelt ist. „Wir alle müssen dafür Sorge tragen!“

Den Abschluss der Gedenkfeier bildete die Zusammenkunft aller Teilnehmer im Ludwig-Gall-Haus, wo ein koscherer Imbiss gereicht wurde. In einem gemeinsamen Gedankenaustausch wurden zudem vergangene und aktuelle Geschehnisse erörtert.

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