Jülich: Gedenken an Programnacht: Situation der Flüchtlinge schwingt mit

Jülich: Gedenken an Programnacht: Situation der Flüchtlinge schwingt mit

Mit rund 150 Menschen war die Beteiligung am Novembergedenken vor der Gedenktafel „An der Synagoge“ ungewöhnlich groß. Viele Teilnehmer waren bereits kurz zuvor gegen die rechts angesiedelte Demonstration „Bürger stehen auf“ im benachbarten Linnich aufmarschiert.

„Die Menschen spüren den Handlungsbedarf gegen braunes Gedankengut“, brachte ein Teilnehmer die Hintergründe auf den Punkt. „Nie wieder dürfen wir es zulassen, dass wir auch nur einen Menschen alleine lassen, so dass er schutzlos den Verfolgern preisgegeben wird“, betonte unter anderem Marco Maria Emunds in seiner Rede.

Gedenken an die Pogromnacht nahe der Gedenktafel „An der Synagoge“. Foto: Jagodzinska

Aktuellen Teil der Feier gestaltet

Er gehört der „Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz“ an, die mit den beiden Kirchen zum Gedenken an die Pogromnacht eingeladen hatte, und ist Geschichts- und Religionslehrer am Gymnasium Haus Overbach. Mit seinen Schülern gestaltete er den aktuellen Teil der Gedenkveranstaltung. „Denn die Erfahrung von Verfolgung, Ausgrenzung, Flucht und Leben in der Fremde ist bei weitem kein neues Phänomen. Das gab es schon einmal.“

Damals waren es Juden, deren Synagogen am 9. November 1938 brannten, heute sind es Flüchtlinge aus Syrien, Ägypten oder dem Kosovo, deren „Recht auf Schutz und Gleichbehandlung man infrage stellt“.

Flucht und Vertreibung

Bevor der Themenkreis in einem „Brückenschlag“ von Flucht und Vertreibung und dem Leben in der Fremde vertieft wurde, stand zunächst das traditionelle Gedenken an die Shoah auf dem Programm. Der Aachener Rabbiner Mordechaj Bohrer erzählte die Geschichte eines Fotografen, der damals die „wandelnden Skelette“ gequälter Juden abzulichten hatte. Dabei sah er einen dieser Menschen mit einem Lächeln sterben, er sah „seine Freude darüber, nach so vielen Qualen frei zu sein“. Gerechtigkeit und vor allem Frieden seien „der allerhöchste und heiligste Wert“.

Pfarrer Dr. Peter Jöcken führte durchs Programm und betete das „Kaddish“ auf Deutsch. Auf Hebräisch hätte es nur in Anwesenheit zehn jüdischer Männer gesprochen werden dürfen.

Totengebet gilt den Ermordeten

Gemeinsam wurde der Hoffnung bringende Psalm 121 gebetet und das Lied „Ihr Mächtigen, ich will nicht singen eurem tauben Ohr“ angestimmt. Dann zogen die vielen Menschen schweigend mit Lichtern in den Händen zum Mahnmal auf dem Propst-Bechte-Platz. Dort betete der Rabbiner das „El male rachamim“, das Totengebet für die Ermordeten in Hebräisch und Deutsch, das Lied „Freunde, dass der Mandelzweig...“ wurde angestimmt.

Pastoralreferent Ralph Loevenich hatte sich mit weiteren Schülern Gedanken über das langersehnte Ankommen „unzähliger Leute jeden Tag gemacht“. Diese Gedanken wurden auf Kerzen festgehalten und am Mahnmal platziert. Zu Kaffee, koscherem Wein und Häppchen bekamen „die Flüchtlinge“ im Bonhoeffer-Haus schließlich ein Gesicht. Dazu diente die Lesung zweier Erlebnisberichte aus dem Heft „Refugees welcome — Aus Fremden werden Vertraute“.

Overbacher Schüler hatten sich im Rahmen eines Projektes in Zusammenarbeit mit dem Jülicher Sozialamt mit in Jülich lebenden Flüchtlingen getroffen und deren Erlebnisse und Erfahrungen niedergeschrieben.

Alptraumhaftes Leben

Lena Jossek las „Ein ganz normales Leben“, das ein syrischer Flüchtling inzwischen lebt. Er ist angekommen und lernt eifrig Deutsch, um sein Studium der Umweltingenieurwissenschaften in Aachen fortführen zu können. Die zweite Geschichte stammt von Nina Kämmerling und Nina Stolzenberg. Sie handelt vom alptraumhaften Leben einer Romafamilie im Kosovo, das allerdings wieder Wirklichkeit werden könnte, denn die Familie ist rechtlich in Deutschland nur geduldet.

Am thematisch „anderen Ende der Brücke“ lasen Anne Gatzen und Gabriele Spelthahn Texte über das Schicksal von Juden aus dem Jülicher Land, denen noch die Flucht aus Nazideutschland gelungen war.

(ptj)
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