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Führungen von Dr. Rüdiger Urban vom Förderverein Festung Zitadelle Jülich

Denkmalschutz : Wenn ein Stück Stadtgeschichte zugebaut wird

Wenn Dr. Rüdiger Urban für die Volkshochschule Führungen durch Jülichs Innenstadt anbietet, dauern die gerne schon mal ein paar Stunden. Urban ist Vorsitzender des Fördervereins „Festung Zitadelle Jülich“ und kann besser als kaum ein anderer selbst dem Muttkrat erklären, dass zu einer Festung auch eine Festungsanlage gehört und welche Bedeutung die pasqualinische Idealstadtanlage der Renaissance hat.

Und wenn es ans Erklären geht, ist Urban aus Überzeugung unermüdlich: „Jülich unternimmt viel zu wenig Anstrengungen, dieses Alleinstellungsmerkmal zu vermitteln“, sagt er. Urban weiß, dass sich auch der Jülicher selbst damit schwertut. Immerhin war nicht nur die nahezu totale Zerstörung der Herzogstadt im 2. Weltkrieg ein einschneidendes Erlebnis, sondern auch der Neuaufbau.

„Von Schöfers Konzept, nach der Zerstörung an die Grundsätze der Festungsstadt und die alten Bebauungspläne anzuknüpfen, war neu und hat dazu geführt, dass die Jülicher plötzlich in einer anderen Stadt lebten“, Urban mutmaßt, dass dieser Einschnitt auch 75 Jahre später noch nachwirkt. Zumindest wenn es heute um den Umgang mit diesem Erbe geht. Urban spricht von einem „herausragenden kulturhistorischen Wert“ der Idealstadtanlage, die es zu erhalten gelte. Übrigens auch mit Blick auf die gleichsam betroffene Nachbarstadt. „Jülich liefert ein geschichtliches Bild, Düren ist planlos wieder aufgebaut worden“, stellt Urban recht nüchtern fest.

Dabei ist zumindest der angestrebte Erhalt für Jülich klar geregelt. Es gibt die Denkmalbereichssatzung, die sich an dem renaissancezeitlichen Bebauungskonzept orientiert. Sie gibt unter anderem vor, Baufluchten und die geschlossene Bauweise strikt einzuhalten und setzt eine einheitliche Traufenhöhe und Satteldächer mit Einzelgauben fest. Außerdem regelt sie natürlich den Erhalt von Blick- und Sichtachsen.

In der Praxis, kritisiert Urban, könne davon allerdings keine Rede sein. Wenn in der Baierstraße bei einem Neubauprojekt dann eben doch zunächst erst mal Laubengänge im Dachgeschoss geplant würden und beim Kreishaus plötzlich im ersten Entwurf eine geschlossenen Glasfassade vorgesehen ist, spräche das nicht dafür, dass die Verwaltung selbst auf die Einhaltung der Satzung achten würde.

Andere Projekte

Deutlich kritischer sieht Urban andere Projekte. „An der Promenade soll die eingeschossige durch eine dreigeschossige Bebauung ersetzt werden. Damit wird der Blick auf den Ellbachbogen zugebaut.“ Auch das Projekt Pasqualini-Park würde, sagt Urban, die Jakob-Bastion beeinträchtigen. Auch etwaige Pläne, die alten Sportanlagen der früheren Hauptschule am Probst-Bechte-Platz als Baugebiet auszuweisen, hält Urban für fatal: „Das ist einfach zu nah an der Zitadelle. Wir befinden uns da schon im Festungsvorfeld.“

Natürlich weiß auch Urban, dass die Interessen des Denkmalschutzes, die der Förderverein Festung Zitadelle vertritt, nicht die einzigen Interessen sind, denen eine Stadt oder die Politik gerecht werden muss und unterschiedliche Interessen auch kollidieren können. In diesen Fällen beispielsweise mit dem Bedarf, für ausreichenden, zentrumsnahen Wohnraum zu sorgen, was gerade auch mit Blick auf den demographischen Wandel nachvollziehbar ist.

Aber, argumentiert Urban, es gäbe auch noch außerhalb des Kernbereiches der Idealstadtanlage andere unbebaute Flächen, die genutzt werden könnten. Zudem könnte man darüber nachdenken, leer stehende Geschäftsräume in Wohnraum umzuwandeln. Sein wichtigstes Argument ist ein anderes: „Wenn der Wohnbedarf in solchen Fällen gegenüber dem Denkmalschutz die größere Gewichtung erhält, muss ich das in einer Demokratie akzeptieren. Aber man sollte dann wenigstens wissen, worüber man entscheidet.“

Konzept vermisst

An dem Punkt, sagt Urban, habe er Zweifel, dass wirklich jeder Politiker überhaupt wisse, dass Kernpunkte der Idealstadtanlage geopfert würden. Zumal Urban seit Jahren schon ein Konzept vermisst, wie sich die Stadt in zehn, 15 oder 20 Jahren entwickeln und erweitern soll. Urban: „Die Verwaltung erstellt oft erst Bebauungspläne, wenn man für ein Projekt einen Investor hat und weiß, was er will.“ Dabei, sagt Urban, müsse die Herangehensweise genau die umgekehrte sein: Die Stadt gibt vor, was sie sich selbst für diesen Bereich wünscht und geht dann auf die Suche nach dem passenden Investor.

Hoffnungen setzt Urban jetzt insbesondere auf das Integrierte Handlungskonzept der Stadt, weil es erstmals eine Planung für die nächsten Jahre ermöglichen könnte. „Natürlich kann man eine Stadt nicht als Museum gestalten. Sie muss sich entwickeln können. Aber eben in einem gewissen Rahmen“, sagt Urban. Genau dieser Gestaltungsrahmen könnte im Prozess des Integrierten Handlungskonzeptes vorgegeben werden, hofft er. Bis der jedem deutlich wird, dürfte Urban vermutlich noch viele weitere VHS-Führungen durch die Innenstadt anbieten.