Linnich/Jülich: Fronten verhärten sich im Gesamtschul-Streit

Linnich/Jülich: Fronten verhärten sich im Gesamtschul-Streit

Der Pflock ist eingerammt: Der Linnicher Schulausschuss hat in seiner jüngsten Sitzung eine Beschlussvorlage gutgeheißen, die den Räten der Stadt Linnich und der Gemeinde Aldenhoven zur Abstimmung in Sachen Gesamtschule dienen soll.

Wie von beiden Bürgermeistern schon angedeutet, ist der bestehende Ratsbeschluss modifiziert worden. Beantrag wird weiterhin die vertikal gegliederte sechszügigen Gesamtschule. Für den Fall, dass die vertikale Gliederung keine Genehmigung erhält, wird automatisch hilfsweise „die Errichtung einer gemeinsamen Gesamtschule Aldenhoven/Linnich in horizontaler Gliederung” beantragt. Diese soll in der Erprobungsstufe - Klassen 5 und sechs - „an beiden Standorten geführt werden”. Diese Schule soll im Ganztagsbetrieb mindestens fünfzügig sein.

Damit wird exakt auf die Hilfskonstruktion zurückgegriffen, die beide Räte vor einer Woche noch abgelehnt haben. Ausschlaggebend war eine Rechtsauskunft, die Bürgermeister Witkopp vor der Sitzung eingeholt hatte. Verwaltungsrechtsexperte Dr. Christoph von der Seipen hatte darauf verwiesen, so Witkopp, dass der Antrag auf eine vertikal gegliederte Gesamtschule gestellt werden müsse, um bei eine Ablehnung gerichtlich Hilfe erhalten zu können. Zwar dauere ein Verfahren bis zur Entscheidung rund zwei Jahre, aber diese Spanne würde durch die horizontal gegliederte Gesamtschule überbrückt, die unabhängig vom Gerichtsverfahren betrieben werden könne. Da sie in den ersten beiden Jahren die Beschulung an beiden Standorten vorsieht, fühle sie sich an wie die vertikale Gliederung.

Weiterer Vorteil des Beschlusses: Die Gesamtschule wäre zum Schuljahr 2013/14 startklar. Sowohl Witkopp als auch Michael Hintzen (PKL) und Hans-Friedrich Oetjen (SPD) hielten ein Aufschieben der Schulfrage um ein weiteres Jahr für inakzeptabel. Linnicher Eltern seien schon zweimal befragt worden - zunächst zur Sekundarschule mit Titz und im Oktober zur Gesamtschule mit Aldenhoven. Jetzt müssten Taten folgen, wolle man nicht jede Glaubwürdigkeit verlieren. Dem pflichtete Ausschussvorsitzender Peter Leufen (CDU) bei. „Wir haben den Auftrag der Eltern, den müssen wir erfüllen.” Der einstige Streiter für den Erhalt der bestehenden Schulen beugte sich dem Votum ohne Vorbehalte.

Einladung an die Gemeinde Titz

Einen gedanklichen Schachzug tat Michael Hintzen: Er lud den Titzer Bürgermeister Frantzen ein, „jetzt mit in die Gesamtschule einzusteigen”, die er vor Jahr und Tag selbst bevorzugt habe. „Dann würden die Titzer Kinder mitgerechnet, und die vertikale Gliederung wäre sicher”. Dem pflichtete Schulplaner Tilman Bieber vom Büro komplan bei. „Es wäre dann sogar denkbar, dass auch in Titz die Klassen 5 und 6 beschult werden.”

Interessant war Biebers Antwort auf die Frage nach dem Verbleib der Lehrkräfte von Haupt- und Realschule, die sukzessive auslaufen. Alle könnten sich für die Gesamtschule bewerben. In vergleichbaren Fällen habe die Übernahmequote 80 Prozent betragen.

Bürgermeister Witkopp hatte eingangs der Diskussion über das Gespräch bei der Regierungspräsidentin berichtet. Von Gedankenaustausch hätte nicht die Rede sein könne. Es sei vielmehr eine „dauerhafte Aufforderung” gewesen, die Eltern in Linnich und Aldenhoven zu überzeugen, dass „die Sekundarschule die beste Lösung ist”. Der Bürgermeister erklärte ebenfalls, dass er sich am Donnerstag noch um eine Schulgemeinschaft mit einer Nachbarkommune (Hückelhoven) bemüht habe. „Das aber stellt sich als schwierig dar.” Über die Linnicher Vorgehensweise werden die Aldenhovener Mandatsträger, wie es hieß, unmittelbar informiert.

Zu welcher Schule schicke ich mein Kind? Die Errichtung einer Sekundarschule in Jülich schafft, was diese Frage betrifft, ganz neue Möglichkeiten. Dass allerdings Linnich und Aldenhoven eine eigene Gesamtschule wünschen, fand im Jülicher Ausschuss für Jugend, Familie, Schule und Sport wenig Anklang.

Wie Dezernentin Katarina Esser mitteilte, hätten insgesamt zehn Kommunen Bedenken gegen das Vorhaben. Angesichts einer sinkenden Schülerzahl verwundert das kaum. Aber nicht nur auf kommunaler Ebene wird die Planung kritisch gesehen. Wie Esser ergänzte, äußerte sich die Bezirksregierung in einem Gespräch deutlich zu dem Vorhaben. So wie es in Linnich und Aldenhoven geplant ist, sei eine Gesamtschule nicht genehmigungsfähig, berichtete sie. Kürzlich war der Antrag einer vertikal gegliederten Gesamtschul-Variante beschlossen worden. Dabei sollen in Aldenhoven und Linnich jeweils alle Klassenstufen angeboten werden.

Das Meinungsbild im Jülicher Ausschuss fiel eindeutig aus: Wenig Verständnis zeigte etwa Lambert Schmitz (CDU). Es sei keineswegs so, dass Jülich vier Gymnasien habe. So liege Haus Overbach sehr zentral zwischen den Städten. Auch den Umgang mit der Gemeinde Titz konnte der Christdemokrat nicht nachvollziehen. „Man nimmt das billigend in Kauf, dass die Titzer nicht mehr Schulstandort werden sollen.” Zudem kritisierte Schmitz die Art der Elternabfrage. „Da kann ich auch fragen, ob das Kind beschult wird oder nicht.”

Lutz Baumgarten (Bündnis 90/Die Grünen) fand gar, dass das Konzept, das von allen Kommunen zur Schulentwicklung beschlossen worde war, durch Linnich und Aldenhoven konterkariert werde. Der Gegenwind für die geplante Gesamtschule kommt jedenfalls von allen Seiten. Ob das Projekt diesem Sturm standhalten kann, muss sich zeigen.

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