Forschungszentrum Jülich: Die Zukunft nach der Braunkohle

Konzepte für eine Modellregion : Die Zukunft nach der Braunkohle

Das Konzept der zirkulären Bioökonomie könnte im komplexen Prozess des bevorstehenden Strukturwandels im Braunkohlerevier auf dem Weg zur Modellregion ausschlaggebend sein.

Im Forschungszentrum Jülich werden die wissenschaftlichen Grundlagen geschaffen, die in der Region ihre Umsetzung finden sollen. Die Ideen und Forschungsergebnisse sollen allerdings keine theoretischen Gedankenspiele bleiben, sondern den Menschen in der Region gezielt nahegebracht werden. Es geht um angewandte Formen der Nachhaltigkeit und um die Frage, inwieweit jeder einzelne durch einen besonnenen und vernünftigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen einen Beitrag leisten kann.

Bei der Vortrags- und Dialogveranstaltung „Zukunftsmodell Zirkuläre Bioökonomie – kommunale und regionale Perspektiven im Revier“ am Forschungszentrum, initiiert durch den in der Region gut vernetzten Zivilgesellschaftlichen Koordinierungskreis Strukturwandel (ZKS), wurden die Überlegungen diesbezüglich vertieft. Mehrere Expertenvorträge bildeten das Fundament für die anschließende detaillierte Auseinandersetzung. „Auch uns wird der Klimawandel erwischen“, stellte FZJ-Vorstandsmitglied Dr. Harald Bolt zu Beginn der Veranstaltung fest. „Die Frage ist also: Bauen wir dann bald Rotwein statt Zuckerrüben an?“ Bolt gab damit den Startschuss für einen Nachmittag des Dialogs zwischen Wirtschaft, Forschung und Zivilgesellschaft.

Interdisziplinäre Workshops

In sechs thematisch unterschiedlichen Workshops wurde Fragen zur Nachhaltigkeit, Bioökonomie und der Partizipationsmöglichkeit der Bürger auf den Grund gegangen. Eine besonders hohe Nachfrage erzielte der Workshop von Dr. Jan-Hendrik Kamlage vom Kulturwissenschaftlichen Institut Essen. Dessen Vortrag „Partizipation als Modus nachhaltiger Transformation: Potenziale und Herausforderungen strukturierter Bürgerbeteiligung in der Praxis“ weckte das Interesse vieler der 116 geladenen Gäste. Mit seiner Darstellung der Notwendigkeit „dialogorientierter Bürgerbeteiligungen“ lag er auf einer Linie mit der Basisidee des ZKS, der eine Einbeziehung möglichst vieler Bürger in die regionalen und kommunalen Entscheidungsfindungsprozesse erreichen will.

Der Referent Joachim Böttcher von der Stiftung „Lebensraum-Mensch-Boden-Wasser-Luft“ stellte die sogenannte „Terra Preta de Indio“ vor – einen dunklen und äußerst fruchtbaren Boden aus dem Amazonasgebiet, mit dem die Inkas höchst effizient Landwirtschaft betrieben. Sie entwickelten eine Methode, aus dieser tropischen Erde einen besonders ertragreichen Dünger herzustellen. Diese geriet jedoch nach dem Untergang der südamerikanischen Hochkultur für hunderte von Jahren in Vergessenheit. Böttcher und seinen Mitarbeitern ist es gelungen, die Art und Weise der Herstellung nachzuvollziehen und heutigen Maßstäben anzupassen. Das Potenzial der „Terra Preta“, der schwarzen Erde, wurde bereits im Bundesministerium für Bildung und Forschung erkannt, wo man sich seit einiger Zeit gezielt mit Anwendungsmöglichkeiten auseinandersetzt. „Das Konzept dient als Beispiel für die Möglichkeit, traditionelles Wissen für technologische Prozesse zu nutzen und eine Basis für den Humusaufbau und eine klimaresiliente Landwirtschaft zu liefern“, beschrieb Böttcher sein Spezialgebiet. In seinem anschließenden Workshop wurde intensiv über das Potenzial für eine nachhaltigere Landwirtschaft mit Hilfe dieser interessanten „Neuentdeckung“ diskutiert. Im Fokus stand eine effizientere Methode zur Humusanreicherung.

In den Fluren des Forschungszentrums wurden während der Workshops perspektivreiche Ideen für die Zukunft der Region analysiert. Foto: Jakub Drogowski

Der diplomierte Landwirt Erich Gussen hingegen beschrieb in seinem Vortrag den zunehmenden Druck, der auf den hiesigen Bauern lastet. Der Vizevorsitzende des Rheinischen Landesverbandes führte aus, dass die Landwirtschaft der Jülicher Börde um ein vielfaches höhere Erträge erziele, als das in anderen Regionen der Fall sei. Dennoch werden laut Gussen immer mehr ehemals landwirtschaftliche Nutzflächen für Bauvorhaben erschlossen. Überdies kritisierte er das „heutzutage zu große Vertrauen in das Etikett ‚Bio’. Das hat nicht zwangsläufig etwas mit Nachhaltigkeit zu tun“, sagte er. Der von ihm geleitete Workshop erschloss die Möglichkeiten, „das Land mit Landwirtschaft zu gestalten“, und untersuchte die Anforderungen sowie Chancen des Strukturwandels von dieser Perspektive aus. Das „Food Valley“, wie Gussen das Gebiet zwischen Aachen und Köln nennt, sei mehr als eine „Zuckerrübenprärie“.

Ein weiterer fruchtbarer Workshop fand unter der Führung von Dr. Silvia Schrey von der Forschungsgruppe Alternative Biomasse des FZJ statt. Unter dem Thema „Nachwachsende Rohstoffe“ wurde das Potenzial der Pflanze „Sina Hermaphrodita“ untersucht – eine Pflanze, die sich durch einen besonders starken Wurzelwuchs auszeichnet und dadurch die Kohlenstoffanreicherung in den Böden begünstigt. Desweiteren kann „Sina Hermaphrodita“, ähnlich wie Raps, zur Gewinnung von Bioenergie genutzt werden. Einem zu großflächigen Anbau steht allerdings die Gefahr von Monokulturbildung und die Vernichtung der Biodiversität auf Feldern und in der freien Natur entgegen.

Kreislaufwirtschaft

Nachhaltige Wirtschaft ist in erster Linie eine Kreislaufwirtschaft. Die mit der Verbrennung fossiler Brennstoffe einhergehende Veränderung des Weltklimas ist im Wesentlichen eine Folge der Überstrapazierung natürlicher Kreisläufe. „Fossile Brennstoffe, die in Prozessen entstanden sind, die Jahrmillionen gedauert haben, brennen wir innerhalb von 150 Jahren weg. Doch dafür ist die Kapazität des CO2-Kreislaufs viel zu klein, um alles aufzunehmen. Und unsere Atmosphäre hat dafür zu geringe Volumina“, erklärte Dr. Ulrich Schurr, Institutsleiter für Geo- und Pflanzenwissenschaft am FZJ.

Die Loslösung von fossilen Brennstoffen ist eines der großen Themenfelder des Forschungszentrums Jülich. Seit nunmehr zehn Jahren arbeitet man eng mit den Universitäten Bonn und Düsseldorf sowie der RWTH Aachen an Konzepten zur zirkulären Bioökonomie. Gemeinsam bilden die vier Institute das Bioeconomy Science Center (BioSC), ein Kompetenzzentrum zur Erstellung von Nachhaltigkeitsstrategien. „Wir haben sehr starke Universitäten in der Region auf diesem Gebiet“, bekundete Schurr den wissenschaftlichen Standortvorteil. Mit dem Forschungszentrum als Schnittstelle bearbeiten die Hochschulen im Wesentlichen drei Disziplinen: „Die Verfahrenstechnik und Pflanzenforschung, die industrielle Biotechnologie und die Agrarwissenschaften sind die Bereiche, in denen wir an Zukunftsmodellen für nachhaltige Kreislaufwirtschaft arbeiten“, sagte Schurr. „Es geht nicht darum, alles auf Bioökonomie umzustellen, sondern die Bioökonomie in die nachhaltige Wirtschaft zu integrieren“, erklärte er weiter. Beispiele für solche Integrationen ist der ökonomische Einsatz von Biomasseprodukten. So werden aus Reststoffen, die beim Paprikaanbau anfallen, Wertstoffe generiert, welche wiederum in der Chemieindustrie Anwendung finden. Kirschkerne, die niemand in der Marmelade haben möchte, werden als nachwachsender Energieträger bei der Stahlherstellung verwendet.

Wegwerfgesellschaft

Die Forscher arbeiten daran, Substanzen so zu optimieren, dass diese wieder biologisch abbaubar sind, um Kreisläufe zu schließen und dadurch keine Reststoffe wie CO2 in die Umwelt abgegeben werden. „Ziel der Kreislaufwirtschaft ist, dass es gar nicht zum Abfall kommt“, verriet der Jülicher Wissenschaftler. Aber auch der Verbraucher ist gefordert. In Europa werden nahezu 50 Prozent aller Lebensmittel weggeschmissen. „Wir kaufen zu viel“, sagte Schurr und beschrieb pointiert die vorherrschenden Konsumgewohnheiten. „Es bedarf keiner echten Einschränkung, nur einer gewissen Verhaltensänderung. Wir brauchen mehr vernünftigen Umgang mit unseren Ressourcen“, fuhr der Institutsleiter mit Blick auf die nicht verzehrten Reste des Buffets der Veranstaltung fort.

Die immer größere Verschwendung von Lebensmitteln ist ein weiteres Feld mit dem sich das BioSC auseinandersetzt. Mit Hilfe der Digitalisierung wollen die Forscher eine Verbesserung der Nahrungsmittelverwertung erreichen. Beispielsweise durch interaktive Apps, mittels derer nicht verkaufte oder übriggebliebene Lebensmittel verteilt werden können, die aufgrund von Regularien nicht bei den Tafeln angeboten werden dürfen. Generell handelt es sich hierbei jedoch um ein strukturelles Problem, welches bisher kaum in das gesellschaftliche Bewusstsein hervorgedrungen ist. „Verzicht ist nur dann ein Verzicht, wenn ich es als Einschränkung empfinde. Es geht darum, durch weniger Konsum dennoch einen zufriedenstellenden Lebensstandard beizubehalten“, zog Ulrich Schurr diesbezüglich ein Fazit.

Gemeinsam zur Modellregion werden

Die vorhandenen Kompetenzen im Rheinischen Braunkohlerevier machen es möglich, dass eine Modellregion entstehen kann, die im unausweichlichen Braunkohleausstieg eines Tages eine Vorbildfunktion für andere Gebiete darstellt. „Die Ansätze für eine Modellregion sind bereits heute ersichtlich“, gibt sich Schurr optimistisch. Jedoch sieht auch er die Notwendigkeit der Mitwirkung und Mitbestimmung aller gesellschaftlichen Kräfte in der Region zwischen Rur und Erft sowie Rhein und Maas. Die Einbindung der Menschen ist für alle Beteiligten eine unbedingte Voraussetzung. „Wir müssen raus in die Region. Dieser Schritt ist schwer, aber nötig“, stellte er zum Abschluss fest. Der Zivilgesellschaftliche Koordinierungskreis Strukturwandel wird dem BioSC bei dieser Öffnung als verlängerter Arm Unterstützung leisten.

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