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Fall von Kindesentführung in Jülich vor dem Aachener Landgericht

Fall von Kindesentführung in Jülich : Waffenarsenal in der Wohnung des Beschuldigten

Weitere Zeugenaussagen vor dem Aachener Landgericht im Fall einer Kindesentführung, die sich in Jülich zugetragen hat, zeichnen ein Bild des mutmaßlichen Haupttäters Marc G.. Kinderpornografie und mehrere Waffen kommen zur Sprache.

Eine Sozialarbeiterin des Solinger Jugendamtes gab anlässlich eines weiteren Verhandlungstages vor der 5. Großen Strafkammer am Aachener Landgericht einen Überblick über die Erkenntnisse, die man bereits Ende des vergangenen Jahres über die Zustände rund um die Familie von Marc G. vorgefunden hatte. Sie seien katastrophal gewesen, hieß es.

Kindesentführung, sexueller Missbrauch eines Kleinkindes und gefährlicher Körperverletzung wird dem 31-Jährigen aus dem Bergischen Land vorgeworfen, als Mittäter sind seine Frau Sarah-Marie G. (32), eine 25-jährige Helferin aus Hamburg und der 27-jährige Kumpel von Marc G. angeklagt. Sie hatten nach einem gemeinsamen Tatplan im Februar 2018 zwei der vier Kinder, die in Selgersdorf bei einer Pflegefamilie untergebracht waren, entführt und nach Belgien gebracht.

Die Mitarbeiterin des Jugendamtes beschrieb, wie sie bereits im Sommer 2017 eine Mitteilung des Chemnitzer Amtes bekommen hatte, nach der ein für die Familie mit den insgesamt vier Kindern aufgestellter Jugendplan einen zentralen Punkt beinhaltete: Marc G. solle sich nicht in der Wohnung bei den Kindern aufhalten, ansonsten müsse man einschreiten. Mutter Sarah-Marie, sie heiratete Marc G. erst nach der Wegnahme der Kinder, habe sich „nach unserem Eindruck immer für ihren Mann und gegen die Kinder entschieden“, sagte die Sozialarbeiterin bei der Befragung durch die Vorsitzende Richterin Regina Böhme.

Belastet wegen Kinderpornografie

So hätten sie bei jetzt neuerlichen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs – gegen Marc G. seien bereits früher Strafen wegen des Besitzes von Kinderpornografie und sexuellen Missbrauchs ausgesprochen worden – beschlossen, die Kinder aus der Familie zu nehmen und die zwei Kleinkinder in Jülich unterzubringen.

Wie der Angeklagte an den Namen und die Adresse der Familie gekommen sei, wollte die Richterin wissen. In den Akten stehe die Behauptung, dass die Adresse aus dem Solinger Jugendamt gekommen sei. Das könne sie sich nicht vorstellen, erklärte die Mitarbeiterin, gerade bei Krisenunterbringungen wie in diesem Fall würden Adressen niemals herausgegeben.

Das Bekanntwerden des Aufenthaltsortes der beiden kleinen Kinder hatte schließlich schwerwiegende Folgen, da das Trio Marc G., Dominik B. und Janine T. in Jülich vorfuhren und mit Gewalt die Kleinkinder entführten. Die Pflegemutter und eine Haushaltshilfe wurden mit Pfefferspray und einem Elektroschocker überrumpelt und sodann gefesselt.

Dass dies ein von langer Hand geplanter Plan war, bestätigte ein aus der Region Karlsruhe angereister Zeuge. Christian H. (48) berichtete ohne jedes Zögern, dass er eigentlich bei dieser gewaltsamen Entführung habe mitmachen sollen. „Der Marc gab sich mir gegenüber als Kamerad aus, er habe im Irakkrieg gedient“, berichtete der Ex-Soldat und das heiße: Kameraden müsse man helfen.

Doch ihm seien schnell Zweifel gekommen. Dann habe er nachgeforscht und erfahren, dass sein angeblicher Kumpel nie Soldat gewesen sei. Als er ihn wegen „der Aktion, die Kinder zu holen“ kontaktiert habe, sei er tatsächlich nach Solingen gefahren: „Ich wollte ihnen das ausreden“, schilderte er den Besuch in der Wohnung bei Marc G.. Er habe den Vorschlag gemacht, sich doch besser an die Medien zu wenden, man kannte sich schließlich von einer App, in der von Jugendamtsentscheidungen betroffene Eltern ihre Erfahrungen austauschten.

„Schieß doch!“

 Doch Marc G. wollte davon nichts wissen, er hatte andere Pläne. Dort in der Wohnung habe der Zeuge ein ganzes Waffenarsenal vorgefunden. Als er sodann die Mitläufer von G., sein enger Freund Dominik B., Janine T. und die Mutter der Kinder, dazu bringen wollte, von dem Plan abzulassen, habe der zornige Marc G. ihn aus nächster Nähe mit einer gespannten Armbrust bedroht.

„Schieß doch“, habe er gesagt. Und als das nicht passierte, habe er sich schnellstens davongemacht. Warum er nicht die Polizei angerufen habe, wollte man im Prozess wissen. Doch ja, das habe er, er sei jedoch am Telefon vertröstet worden.

Am Mittag des Verhandlungstages hatte auch die mitangeklagte Kindesmutter Sarah-Marie G. eine Einlassung gemacht, zum ersten Mal in diesem Verfahren, das bereits am 5. Verhandlungstag angekommen ist. Die 32-jährige berichtete von eigenen Missbrauchserfahrungen mit ihrem Stiefvater, der sie zudem oftmals brutal geschlagen habe.

Sie habe sich im Übrigen ebenso von ihrem „Noch-Ehemann“, dem Angeklagten Marc G., bedroht und manipuliert gefühlt, sagte die Angeklagte unter Tränen.

Die Mutter von Sarah-Marie G. machte zuvor eine lange Aussage, die die Darstellung des häuslichen Missbrauchs ihrer Tochter bestätigte. Als das offenbar wurde, habe sich ihr Mann und Stiefvater ihrer Tochter umgebracht. Die Männer, die ihre Tochter infolge mit nach Hause brachte, seine „allesamt problematisch“ gewesen.

Der Prozess wird am 19. Dezember ab 9 Uhr im Aachener Landgericht fortgesetzt.

(wos)