„Bücherherbst“ bei Fischer zum 150-jährigen Jubiläum: Exzellente Buchauswahl als großer Publikumsmagnet in Jülich

„Bücherherbst“ bei Fischer zum 150-jährigen Jubiläum : Exzellente Buchauswahl als großer Publikumsmagnet in Jülich

Der „Bücherherbst“ hat Tradition in Jülich, denn unter diesem Namen stellt das Team der ebenso traditionsreichen Buchhandlung Fischer in Jülich seit sieben Jahren die Empfehlungen für die möglicherweise beste Lese-Jahreszeit vor. Das Interesse an den zahlreichen Buchvorstellungen war im Jubiläumsjahr von Fischer wieder enorm groß.

Das Jahr 1869 läutet fünf Jahre nach Abschaffung der Sklaverei in Amerika dessen Blütezeit im 19. Jahrhundert ein. Preußen führt Krieg mit Dänemark und Österreich, Großbritannien den Kolonialkrieg in Indien, Japan beendet seine Abschottung, der Suezkanal in Ägypten wird eröffnet, Alfred Nobel erfindet das Dynamit, Victor Hugo veröffentlicht „Les Misérables“ – und Josef Fischer gründet einen Familienbetrieb, der heute unter dem Namen „Buchhandlung Fischer“ aus Jülich nicht wegzudenken ist.

Es ist die Zeit, in der die Herren beim Betreten einer Geschäftsstelle ihren Zylinder ablegen und den Damen für die Dauer einer Beratung ein bequemer und recht breiter Sessel für die Unterbringung ihrer ausladenden Röcke eifrig vorgeschoben wird. 150 Jahre später hat sich der Wirkungsbereich des Familienunternehmens, der immer dem gedruckten Wort zugewandt gewesen ist, wesentlich erweitert, doch nicht radikal verändert.

Einer solchen Beständigkeit unterlag die Mode im Laufe der Zeit zum Glück für das heutige Buchhandlungsteam jedoch nicht im Geringsten. Zum Glück, denn bei der siebten Veranstaltung der Jubiläumsreihe zum 150-jährigen Bestehen wäre eine gebührende Platzierung all dieser schmucken Krinolinen, breiten Damenhüte und Zylinder von über 100 Gästen selbst in den großzügigen Räumlichkeiten des Buchladens an der Jülicher Kölnstraße nicht möglich gewesen.

Das große Publikumsinteresse an einem Angebot mit „Bücherherbst“ im Titel und der kundigen Vorstellung von lesenswerten, neuen Publikationen auf dem Büchermarkt als Inhalt ist in diesem Fall einerseits ein wenig überraschend und anderseits nicht verwunderlich. Überraschend, weil, wie der Tenor der Medien spricht, „immer weniger gelesen wird“. Andererseits lässt die jährliche Flut an Neuheiten die Leser in einem „Buchnebel“ regelrecht blind tappen.

Für jeden, der als erfahrener oder leidenschaftlicher Bücherwurm nicht ausschließlich den Bestsellerlisten vertrauen und beim neuesten Werk eines sich „gut verkaufenden“ Autoren spätestens auf Seite 50 gelangweilt das allmählich gleiche Handlungsschema wiedererkennen möchte, sind diese Präsentationen hilfreich und bereichernd. Vor allem dann, wenn die präsentierten Werke mit großer Literaturkenntnis und Berücksichtigung der vielschichtigen Leserinteressen ausgewählt werden.

Diese Kriterien werden seit Jahren von der fachkundigen Leitung und von dem engagierten Team der Buchhandlung Fischer vortrefflich erfüllt und mit großem Zuspruch vom Publikum angenommen. Die neueste Vorstellung von „Büchern abseits der Bestsellerlisten“ ließ die Zuhörer den wettertechnisch tristen Abend als bestes Lese-Wetter annehmen und in gemütlicher Atmosphäre neugierig lauschen.

Bei der lebhaften Präsentation von Katja Dahmen, die von größter Faszination für Kinderliteratur zeugte, entdeckten die ausschließlich erwachsenen Gäste wieder das Kind in sich. So lachte man herzlich über die vergeblichen Bemühungen eines struppigen, borstigen, buschigen, doch leider winzigen Monsters, seinem gruseligen Job im Kinderzimmer nachzugehen. Das Buch „MONSTA“ von Dita Zipfel überzeugt durch humorvolle, warme Sprache und erfüllt eine der wichtigsten Aufgaben des Kinderbuches. Die Bekanntschaft mit Monster Harald vertreibt die Ängste der Nacht aus jedem Kinderzimmer.

Umso mehr Platz bleibt dann für die nächtlichen Traum-Abenteuer, die auf einem fliegenden Piratenschiff spielen. Solch eine Fahrt zu Luft und zu Wasser erlebt ein Junge namens Theo in einer märchenhaften Erzählung mit Bezug auf die Realität des nicht immer märchenhaften Kinderalltags. „Theo und das Geheimnis des schwarzen Raben“ von Ute Krause wird von Katja Dahmen als ein Buch mit verlockender Atmosphäre und gutem Ende beschrieben. „Da knistert etwas zwischen den Zeilen und macht neugierig auf die vielen Abenteuer und zauberhaften Charaktere“.

In das dritte Kinderbuch hat sich Dahmen „direkt verliebt“ und gab diese Liebe bereitwillig an die Zuhörer weiter. Ulrich Hub ist mit seinem Buch „Das letzte Schaf“ eine perfekte, humorvolle Weihnachtsgeschichte gelungen, die beim Vorlesen an den Festtagen die ganze Familie gleichermaßen amüsieren wird und als Nachtisch zu genießen ist.

Wolfgang Hommel übernahm die undankbare Aufgabe, das erheiterte Publikum zurück in die Realität zu führen. Dank seiner exzellenten Auswahl an Sachbüchern gelang dies meisterhaft bereits mit der Vorstellung seines ersten Buches. „Die Chinesen. Psychogramm einer Weltmacht“ des deutsch-chinesischen Autorenpaars Stefan Baron und Guangyan Yin-Baron analysiert die Wesenszüge einer Bevölkerung, deren Errungenschaften und Kultur als einzige der uralten Zivilisationen Jahrtausende überdauerte und heute mit seinem wirtschaftlichen und technischen Sprung die westliche Welt verblüfft.

Mit einem gekonnten Geflecht aus authentischen Personen um Caroline von Humboldt, einer historischen Kulisse und einem fiktiven Protagonisten, welcher mit falscher Identität Höhen und Tiefen seines Daseins erlebt, entführt das „Römische Fieber“ von Christian Schnalke in die „Ewige Stadt“ des Jahres 1818. Der Untertitel des dritten von Hommel vorgelesen Buches, erweckte zunächst kein überschwängliches Interesse. „Wie sie lieben, planen, spielen“ klingt nicht besonders originell, nun was aber, wenn es um Fische geht? „Was Fische wissen“ verrät Jonathan Balcombe in seinem humorvollen, absolut unglaublich wirkenden jedoch wissenschaftlich fundierten Buch.

Mit Ellen Peters als Vorlesepatin und Julia Kaufhold als Romanautorin erlebten die Gäste „All die schönen Tage“ von Max und Stella, den Protagonisten einer vielschichtigen Geschichte über Liebe, Verrat und Vergebung. Von Peters erfuhren sie zudem, dass Meerjungfrauen nicht nur besser küssen, sondern auch morden. Diese Meinung vertritt Tatjana Kruse mit ihrem aberwitzigen, skurrilen Werk, „Meerjungfrauen morden besser“. Die Schwestern Konny und Kriemhild laden hier den Leser auf einen „Highway to Hell“ standesgemäß auf einer Harley ein.

Eine aufgezwungene Schatzsuche als Preis fürs Überleben sowie Nacktkater Amenthotep und Asche von Kriemhilds verstorbenem Mann im Handstaubsauger als Gepäck sind zu erwarten. Für Jugendliche ab 15 Jahren und alle junggebliebenen Erwachsenen ist Gork auf der Erde gestrandet. In Balance zwischen Fantasy und Science Fiction erzählt Gabe Hudson eine warme, originelle Story von sagenumwobenen heiligen Geschöpfen, eine Geschichte von Drachen. Auf eine humorvolle Art erweisen sich „Gork der Schreckliche“ und seine Welt zuweilen humaner als die Erdbewohner und ihre Realität.

Mit den Buchtipps von Guido Lips kamen die Liebhaber von Kriminalromanen auf ihre Kosten. Die Studentenunruhen 1968 in Berlin bilden eine politische Kulisse für die Ermittlungen von Kommissar Heller in einem Politkrimi von Lutz Wilhelm Kellerhoff, „Die Tote im Wannsee“. „Ein irischer Dorfpolizist“ aus der Feder von Graham Norton, ergo Sergant PJ Collins, wird mit den weltbewegenden politischen Ereignissen selten konfrontiert. Das ruhige Leben und das gute Essen im Süden Irlands lassen seinen Ermittlerinstinkt erschlaffen, bis ein menschlicher Knochenfund und ein lange zurückliegender Mord Grund genug sind, seinen gemütlichen Sessel zu verlassen. Die Wirkung des Buches „Die wundersame Mission von Harry Crane“ nach Jon Cohen beschrieb Lips mit einem Satz: „Man wird ruhiger, je länger man liest“. Ein triftiges Motiv, diese einfühlsame Geschichte über Verlust und Neubeginn zu lesen.

„Angela Merkel ist Hitlers Tochter“, echt jetzt? Mit dieser Anekdote, die eigentlich keine ist, sondern eine reale Situation beschreibt, stellte Eva Behrens-Hommel ihren ersten Buchtipp vor. In Anlehnung an einen gescheiterten Versuch, eine selbst kreierte fingierte Information in den sozialen Netzwerken wieder richtig zu stellen, nimmt der Autor Cristian Alt die Reaktionen der Menschen auf fake news und ihre Faszination für Verschwörungs-Theorien unter die Lupe.

Mit „Eine Handvoll von Anekdoten“ beschreibt der Lyriker Hans Magnus Enzensberger humorvoll und erfahrungsträchtig seine Kindheit und Jugend. Mit ausgewählten Einblicken in den Inhalt des Buches führte Behrens-Hommel das Publikum in eine Autobiographie der besonderen Art ein. Eine weitere literarische Kostbarkeit empfiehlt sie mit dem „Verzeichnis einiger Verluste“ von Judith Schalansky. Geheimnisvolle, fast schwarze Bildteile illustrieren das Vergessene in den Erinnerungen eines Individuums ebenso wie das verlorene und vergessene Gut ganzer Kulturen.

Mit den von Jürgen Schmitte ausgesuchten Lektüren veränderte sich die Stimmung der Gäste abermals. Ein spannender Thriller mit dem vielsagenden Titel „Das Alphabet der Schöpfung“ von I. L. Callis ist ein unterhaltsamer Krimiroman, der im geradlinigen Schreibstil und wissenschaftlich gestützt die Tücken der Genetik enttarnt. Ein gut recherchierter, historischer Krimi offenbart dagegen, dass im viktorianischem London nicht nur ein Sherlock Holmes dem Verbrechen auf der Spur unterwegs war. „Arrowood – In den Gassen von London“ von Mick Finlay bringt einen Detektiv ins Spiel, der in seiner Hartnäckigkeit viel mehr auf Emotionen als auf Deduktion setzt und „beantwortet am Ende mehr Fragen, als der Leser hat“. Mit der Vorstellung des Science Fiction Romans „Der Aufstieg und Fall des D. O. D. O.“ von Neal Stephenson und Nicole Galland endete der bereichernde Abend in einer Welt der Quantenphysik und der Zeitreisen auf der Suche nach der verlorengegangenen Zauberei. Von der Welt der Literatur bereits verzaubert verließ das Publikum die freundlichen Räume der Buchhandlung Fischer voller Ideen für Weihnachtsgeschenke und mit der Überzeugung, „was man Schwarz auf Weiß besitzt, kann man getrost nach Hause tragen“ (Johann Wolfgang von Goethe).

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