Evangelischer Pfarrer Charles Cervigne wurde beurlaubt

Vorwürfe, Schweigen und Spekulationen : Evangelischer Pfarrer Charles Cervigne beurlaubt

Die Nachricht ist kurz: Der Evangelische Pfarrer der Gemeinde Aldenhoven, Charles Cervigne, ist vom Landeskirchenamt beurlaubt worden. Gründe für diese Maßnahme werden nicht genannt.

Es kommt nicht alle Tage vor, dass der Pfarrer einer Gemeinde beurlaubt wird. Wie wortkarg dann Menschen werden, die diese Entscheidung treffen, mag da schon verwundern. Zum Beispiel Jens Sannig, Superintendent des Kirchenkreises Jülich. „Kein Kommentar, Sie müssen bitte die Pressestelle der Evangelischen Kirche im Rheinland anrufen“, sagt Sannig.

„Es gibt Vorwürfe gegen Pfarrer Cervigne, die derzeit geprüft werden“, sagt Jens Peter Iven von besagter Pressestelle. Fragen beantwortet er nur schriftlich, auf Nachfragen am Telefon reagiert man in der für Öffentlichkeitsarbeit zuständigen Stelle der Evangelischen Kirche im Rheinland eher unwirsch. „Diese Beurlaubung, also die Untersagung des pfarramtlichen Dienstes, ist ein notwendiger Schritt, um den Vorwürfen nachzugehen und die Beteiligten, darunter nicht zuletzt der Pfarrer, in dieser Zeit zu schützen. Eine Beurlaubung bedeutet keine Vorverurteilung“, schreibt Iven weiter. Grundsätzlich gelte, dass eine Beurlaubung immer dann ausgesprochen werde, wenn ein „Verbleiben im Dienst geeignet ist, die Glaubwürdigkeit der Wahrnehmung des kirchlichen Auftrags, das Ansehen der Kirche, den Dienstbetrieb oder die Ermittlungen wesentlich zu beeinträchtigen“, erklärt Jens Peter Iven weiter.

Eine Standarderklärung, die wortgleich verschickt wird. Nur auf Anfrage. Was die Glaubwürdigkeit beeinträchtigen, das Ansehen der Kirche beschädigen könnte – kein Kommentar. Eine zugegebenermaßen auch für das Landeskirchenamt nicht leichte Situation. Schweigen heizt immer Spekulationen an, Gründe benennen, die auf ungeprüften Vorwürfen beruhen, kann als Vorverurteilung missverstanden werden. Und wie erklärt man den Gläubigen vor Ort die Beurlaubung? Auch darauf gibt es leider keine Antwort.

Auch Charles Cervigne äußert sich ebenfalls nicht. Er ist beurlaubt, aber nicht abwesend. Das Gemeindeleben geht weiter. Die Ferienfreizeit ist organisiert und findet wie geplant statt, für die Gottesdienste gibt es bis zum Ende der Ferien eine Vertretungsregelung. Alles geschieht momentan in Etappen. Die Gemeinde habe reagiert, wie sie immer reagiere: die Kräfte wurden gebündelt, das Gemeindeleben geht weiter, nur der Hauptakteur muss eine Zwangspause einlegen.

Im Oktober werden es 30 Jahre, die Cervigne in seiner Pfarrgemeinde wirkt. Cervigne ist ein Mann klarer Positionen, engagiert sich gegen Rechtsextremismus und wurde dafür nicht nur verbal angegriffen, er hat Flüchtlingen Kirchenasyl gewährt. Wer klare Positionen vertritt, polarisiert.

Das mag mit erklären, warum in den sozialen Netzwerken zum aktuellen Fall auch hämische Kommentare zu lesen sind, warum Gerüchte zu Wahrheiten erhoben werden. Es werden munter vermeintliche Details aus Cervignes Privatleben ausgeplaudert, ganz so, als ob es das eigene Privatleben ist, über das man in diesen Kommentaren schreibt. Mit diesen Gerüchten werden Cervigne und die Gemeinde in den nächsten Wochen leben lernen müssen. „Wir stehen als Gemeinde hinter ihm“, sagt ein Presbyteriumsmitglied dazu.

„Wir arbeiten so schnell wie möglich und zugleich so gründlich wie nötig“, erklärt Jens Peter Iven, wenn man ihn um eine Einschätzung bittet, wann die Beurlaubung von Cervigne zurückgenommen wird.

Dabei dürfte es nicht die Kirche selbst sein, die die Vorwürfe prüft. Sind die substanziell so wenig belegbar, wie es mit dem Fall betraute Personen andeuten, könnte ein Ergebnis im Idealfall in vier Wochen vorliegen.

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