Jülicher Serie zur Europawahl: Europa? Selbstverständlich bis abstrakt

Jülicher Serie zur Europawahl : Europa? Selbstverständlich bis abstrakt

Was denken Erstwähler über Europa? Wie profitieren wir im Alltag von Europa? Zum Auftakt unserer Serie zur Europawahl sprechen wir mit Schülern des Beruflichen Gymnasiums in Jülich.

Eigentlich ist es ein ganz normaler Schultag. Als es im Berufskolleg Jülich nach der Pause klingelt, finden sich die Schülerinnen und Schüler nach und nach in ihrem Klassenzimmer ein. Auf dem Lehrerpult steht eine Wahlurne. Ist das doch keine ganz normale Unterrichtsstunde? Dass unsere Redaktion an diesem Tag mit den Jugendlichen der elften Klasse des Beruflichen Gymnasiums für Wirtschaft und Verwaltung über Europa und die Wahl am 26. Mai sprechen will, wissen die Schüler noch nicht – es soll ein unvoreingenommenes Gespräch werden. Am Ende sollen sie wählen. Für welche Partei würden sie stimmen – und warum?

Schnell wird klar, dass sich die Jugendlichen im Alter von 16 bis 22 Jahren bislang wenig mit der Europawahl beschäftigt haben. Wann die Wahlen sind, weiß niemand. „Ist das dieses Jahr?“, fragt ein Schüler. Von den insgesamt 19 Schülern sind sieben schon 18 Jahre alt – und damit im Mai wahlberechtigt.

„Wenn wir schon eine Stimme haben, dann sollten wir sie auch nutzen“, sagt Zeinab Khomassi (18). Aber die Entscheidung für eine Partei fällt den meisten Schülern schwer. „Man kennt sich kaum aus, versteht vieles in der Politik nicht. Und ich glaube, dass viele zu faul sind, sich zu informieren“, erzählt Johannes Nikas (18). Einen Informationstag in der Schule hält der 18-Jährige für sinnvoll. Die 17-jährige Annika Küpper findet, dass der „Wahl-O-Mat“ der Bundeszentrale für politische Bildung eine gute Entscheidungshilfe ist.

„Man sollte sich nicht nur vor den Wahlen die Wahlprogramme der Parteien anschauen und die dann die nächsten Jahre wählen, sondern sie nachhaltig beobachten. Wenn meine Partei plötzlich in bestimmten Punkten anders denkt, kann ich auch meine Meinung ändern“, findet Matthias Albersmeier (17). Über eigenständiges Informieren haben aber die wenigsten Schüler bislang nachgedacht.

Doch was bedeutet Europa für die Jugendlichen? Dass nur wenige Kilometer entfernt von Jülich die Grenzen kontrolliert werden könnten? Oder man sich am niederländischen Strand kein Eis kaufen könnte, weil man nicht die passende Währung dabeihätte? Für die Schüler ein ungewohnter Gedanke. Stattdessen betrachten sie Europa wie selbstverständlich als eine Einheit.

Lucy Düdder findet, dass die Staaten mit der gemeinsamen Währung vieles einfacher gemacht haben und dadurch auch vieles für die Bürger einfacher geworden ist. Dass man in der EU unbeschwert reisen, viele Länder leicht besuchen und oft mit der eigenen Währung bezahlen kann, sehen die Jugendlichen als großen Vorteil – und niemand von ihnen möchte darauf verzichten.

Die Sorgen der Schüler

Doch die offenen Grenzen bereiten einigen Schülern auch Sorgen. Illegales Schmuggeln und ein unkontrollierter Flüchtlingszustrom beschäftigen die Jugendlichen. „Aber die offenen Grenzen sind trotzdem kein Nachteil. Die Menschen fliehen, weil es ihnen in ihrer Heimat sehr schlecht geht. Ich finde es gut, dass sie dort wegkommen und bei uns Hilfe bekommen“, sagt Zeinab Khomassi. Die meisten stimmen ihr zu. Angst haben die Jugendlichen vor offenen Grenzen nicht. Aber sie befassen sich mit dem Thema.

Dass auch immer mehr Länder innerhalb Europas nach rechts rücken, ist den Schülern nicht entgangen. „Ich finde es nicht gut, dass bei uns immer mehr Menschen die AfD wählen“, sagt Fabienne Janneck (17). Annika Küpper sieht den Grund dafür in der Unzufriedenheit der Menschen mit der Politik: „Wie es die Politiker machen, machen sie es falsch. Ich finde es aber  schwer zu beurteilen, wessen Handeln richtig oder falsch ist.“

Grundsätzlich müsse man sich aber mit der AfD auseinander setzen, findet der 22-jährige Zeravan Abbo. „Nicht alle Wähler sind Rassisten. Man sollte erst mal ins Wahlprogramm schauen und sich dann ein Bild von der Partei machen.“

Nicht wenig Schuld am Rechtsruck geben einige Schüler auch den Medien. „Wenn ein Ausländer etwas Schlimmes macht, wird das ziemlich groß geschrieben. Über deutsche Straftäter wird weniger berichtet“, findet Fabienne Janneck. Menschen würden so manipuliert. Von Europa selbst erwarten die Jugendlichen eine verbesserte grenzüberschreitende Infrastruktur, Verbesserungen der Arbeitsverhältnisse, Nachhaltigkeit und Klimaschutz, die Abkehr von Atomenergie, neue Technologien und Pressefreiheit.

Foto: grafik

Dass Europa auch für die Arbeitswelt einige Türen offenhält, ist den Jugendlichen bewusst. Von den 19 Schülerinnen und Schülern könnten sich 14 vorstellen, nach ihrem Wirtschafts- und Verwaltungsabitur, das sie am Berufskolleg im Moment anstreben, auch im Ausland zu arbeiten.

„Viele Bekannte von mir studieren in den Niederlanden. Sollte es dort ein gutes Jobangebot geben, könnte ich mir vorstellen, auch dort zu arbeiten“, erzählt Johannes Nikas. In die Grenzregion zieht es sonst aber niemanden. „Ich würde lieber nach Amerika ziehen“, sagt Fabienne Janneck. Also raus aus Europa. „Und ich denke nicht, dass Trump dann noch da ist, wenn es soweit ist.“ Auch Mark Wegner, mit 16 Jahren der Jüngste in der Klasse, möchte eher weit weg. „Nach Kanada – da gibt es mehr Freiheit.“

Auch der Brexit ist beim gemeinsamen Gespräch ein Thema. „Man überlegt schon, falls Großbritannien aus der EU austritt, ob dann vielleicht noch mehr Länder austreten werden und es irgendwann keine Europäische Union mehr gibt“, sagt Jesse Müller (18). Angst habe der Jugendliche zwar nicht davor, aber er mache sich schon seine Gedanken darüber.

In den kommenden Wochen wird Marc Mommertz, Geschichts- und Politiklehrer, mit den Schülerinnen und Schülern das Thema Europäische Union und die Europawahl im Fach Gesellschaftslehre intensiv behandeln. Dann wird sich unsere Redaktion ein zweites Mal mit den Jugendlichen unterhalten. Haben sich ihre Ansichten geändert? Wer wird definitiv zur Wahl gehen? Und welchen Stellenwert hat die Europäische Union dann für die Jugendlichen?

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