Linnich: Ersthelfer sauer: Gaffer behindern couragierte Retter

Linnich: Ersthelfer sauer: Gaffer behindern couragierte Retter

Marcel Deserno war wenige Momente später an der Unfallstelle. Das Opfer hatte keinen Puls mehr, atmete nicht mehr. Vergangene Woche war das, abends auf der Bundesstraße 57, kurz vor Körrenzig. Ein 17-Jähriger war als Erster vor Ort, tat, was er konnte, machte mit einer Lampe auf den Unfall aufmerksam. Vorbildlich.

Deserno, Intensiv-Pfleger am Linnicher Krankenhaus, und sein Bekannter, der früher Feuerwehrmann war, hielten an und übernahmen die Erste Hilfe.

So sieht im schlimmsten Fall der Idealfall aus: Die Rettungskräfte sind bei den Unfallopfern, die Wege zur Unfallstelle sind frei, niemand steht im Weg. Polizei und Rettungsdienste sprechen davon, dass Gaffer häufig auftreten. Foto: Guido Jansen

Mit etwas Abstand ärgert sich Deserno über Dinge, die rund um den Unfall herum passiert sind. „Wir mussten den Mann aus dem Auto ziehen, aber das haben wir zuerst nicht geschafft. Da standen einige Leute drum herum und haben nur zugeschaut.“ Müßig zu erwähnen, dass es in diesen Momenten um Leben und Tod ging. Erst, als er lauthals zur Hilfe aufforderte, gab es Unterstützung. Sie zogen das Unfallopfer, einen 61 Jahre alten Mann, aus dem Auto, legten ihn auf den Boden, und Deserno begann sofort mit der Herzdruckmassage. Und wieder hatte er Zuschauer.

„Da kam ein Kommentar: Sofort mit der Herzdruckmassage aufhören!“ Dass das völlig falsch ist, weiß Deserno, der in Baal lebt, schon von Berufs wegen. Als der Notarzt eingetroffen war und übernommen hatte, schaute sich Deserno um und sah, dass sich ein Stau gebildet hatte, weil Leute langsam an der Unfallstelle vorbeifuhren, um zu sehen, was passiert war. „Da war die Zufahrt für die Feuerwehr zu“, sagt der 37-Jährige. „Ich habe mich über diese Gaffer sehr geärgert.“

Sensationsgier

Damit steht der Mann aus Baal nicht alleine da. Gaffer sind ein Problem, das auch die Polizei und die Rettungskräfte beschäftigt. „Die Sensationsgier nimmt zu“, schildert Dr. Kirsten Oelbracht, die stellvertretende ärztliche Leiterin des Rettungsdienstes im Kreis Düren. Im Zeitalter von Mobiltelefonen mit eingebauter Fotokamera komme es immer häufiger vor, dass Menschen Fotos am Unfallort machen und — einfach gesagt — im Weg stehen. Dazu kommt das Gaffen, also das Langsamwerden oder Stehenbleiben mit dem Auto, das vor allem auf der Autobahn sowohl die Rettungswege blockiert als auch ein neues Unfallrisiko ist.

Oelbracht berichtet von Rettungsaktionen, bei denen die Feuerwehr zur Unterstützung Dieselgeneratoren einsetzt. „Da kommen dann Anwohner und sagen zu den Feuerwehrleuten, dass sie den Generator an anderer Stelle aufstellen sollen, weil es stinkt.“ Die Krönung des schlechten Geschmacks war ein Unfall im Dezember, nur ein paar Kilometer weiter bei Brachelen, als ein vorbeifahrendes Auto dem Unfallopfer über die Beine rollte. Die Polizei sucht den Fahrer immer noch.

Viele Möglichkeiten gibt es nicht, um Gaffer davon abzuhalten, die Rettung zu stören und auch die Privatsphäre des Unfallopfers zu schützen. „Wir sprechen dann Platzverweise aus oder nehmen die Leute vorübergehend in Gewahrsam“, schildert Polizeisprecherin Julie Greven. Im extremen Fall ist der Strafbestand der Störung einer Amtshandlung erfüllt.

Oelbracht und Deserno wissen, dass auch die Unsicherheit ein Grund dafür sein kann, dass Menschen bei Unfällen nicht handeln. „Das ist aber das Schlimmste, was man tun kann“, sagt Deserno. Denn ein lebensgefährlich verletztes Unfallopfer stirbt, wenn keine Hilfe kommt. Es gebe viele Dinge, die man tun könne, auch wenn man sich mit der Ersten Hilfe nicht mehr sicher ist: „Ganz wichtig ist, dass jemand den Notruf absetzt. Man kann bei Dunkelheit helfen, indem man leuchtet, man könnte dafür sorgen, dass die Rettungswege frei bleiben“, zählt Oelbracht auf. Oder man stellt sich der Polizei als Zeuge zur Verfügung, wenn die Beweisaufnahme beginnt.

Das Unfallopfer aus Linnich in der vergangenen Woche, ein 61-jähriger Mann, hatte wieder Puls und Atmung, als er ins Krankenhaus gebracht wurde. Mittlerweile ist der Mann gestorben.