Rödingen: Erinnerung an November-Pogrome: Gedenken und Mahnung

Rödingen: Erinnerung an November-Pogrome: Gedenken und Mahnung

Der Begriff „Kristallnacht“ mag Dunkelheit suggerieren, doch der Auftakt zur systematischen physischen Vernichtung der Menschen jüdischen Glaubens geschah in den Mittagsstunden des 10. Novembers 1938 vor den Augen der Öffentlichkeit.

Man schaute hin und sah, wie Juden misshandelt, ihre Gemeindeeinrichtungen, Geschäfte und Privatwohnungen geplündert, ihre Friedhöfe und Synagogen verwüstet und angezündet wurden. Mit Gedenkfeiern wird deutschlandweit an die Novemberpogrome und die Gräueltaten der NS-Zeit erinnert. Die von der Gemeinde Titz in Zusammenarbeit mit dem Förderverein LVR Kulturhaus Landsynagoge Rödingen gestaltete Veranstaltung begann am alten jüdischen Friedhof.

„Die große Resonanz macht Mut“, begrüßte Bürgermeister Jürgen Frantzen die etwa 30 Mitbürger, die sich dort versammelt hatten. An der historischen Stätte verdeutlichte Judaistin Monika Grübel vom LVR die Bedeutung der Friedhofsanlage im jüdischen Glauben. Als „Haus der Ewigkeit“ darf sie nicht aufgelöst werden, die Grabesruhe soll auf ewig gesichert sein.

Umso schwerwiegender wird eine Schändung von Grabstätten empfunden, wie sie vor Ort bemerkenswerterweise bereits vor der 1933er Machtergreifung geschehen ist. So zitierte Monika Grübel aus einem Bericht der in Palästina erschienenen Zeitung „Davar“ über einen Vorfall vom April 1930: „In Rödingen im Rheinland wurde der jüdische Friedhof geschändet. 14 Grabsteine wurden zerstört. … Am Tag vor der Schändung gab es eine Versammlung von Faschisten in Rödingen.“ Nach dem Zwangsverkauf 1939 an den Nazi-Bürgermeister Coenen aus Höllen und der partiellen Rückerstattung erfolgte 1964 die Neugestaltung.

Vom jüdischen Friedhof aus begaben sich die Teilnehmer der als „Spurensuche“ angelegten Gedenkfeier zur Landsynagoge. Auf dem Weg dorthin erläuterte Michaela Schuh vom Team der Rödinger Historetten mehrere Stationen ehemaligen jüdischen Lebens in Rödingen, das bis 700 Jahre zurückreicht. Es sei gut und wichtig, an den 9. November 1938 zu erinnern, an dem „die NS-Machthaber so ganz offen ihre menschenverachtende Fratze zeigten“, bekräftigte Bürgermeister Frantzen in seiner Ansprache in der Synagoge, bedauerte aber, dass es aktuell leider noch wichtiger als in den vergangenen Jahren sei.

Freiheit und Demokratie sind bedroht, wenn sich Populismus, Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit breit machen, wie es momentan in Europa, in Deutschland zu beobachten ist. „Dies macht mir Sorgen“, gab Frantzen zu verstehen und appellierte: „Wir sind gefordert, unsere Demokratie zu verteidigen. Heute mehr als sonst!“

Abschließend gedachten die Anwesenden der namentlich genannten in Rödingen geborenen Juden, die von den Nationalsozialisten ermordet worden sind. Exemplarisch für alle Opfer erinnerte Monika Grübel biografisch an das Schicksal von Sibilla Ullmann und Rchard Wallach, die eng mit Rödingen und der Synagoge verbunden sind.

Es könne keine Ausreden mehr geben beim Umgang mit unheilvollen Entwicklungen wie brennenden Asylantenheimen oder Untaten gegenüber Minderheiten, denn sie geschähen heute genau so, wie Monika Grübel die Gräueltaten der Pogromnacht beschrieb: „Sie ereigneten sich zwischen Nachbarn und Kollegen — dies gilt ganz besonders für die kleinen Orte, in denen es kaum Anonymität gab, sondern jeder jeden kannte.“

(jago)