Poetry Slam am Mädchengymnasium: Eine Rampensau zu sein ist kein Muss

Poetry Slam am Mädchengymnasium : Eine Rampensau zu sein ist kein Muss

Florian Schreiber ist Referendar am Mädchengymnasium und Poetry-Slammer. 16 Schülerinnen eifern ihm jetzt in einem Literaturkurs nach. Am Dienstag kommt es zur öffentlichen Aufführung.

Florian Schreiber ist es gewohnt, vor Leuten zu sprechen – vor allem wegen seines Berufs als Referendar am Mädchengymnasium in Jülich, aber auch wegen seines Hobbys. Der 28-Jährige ist Poetry Slammer, qualifizierte sich 2018 sogar für die deutschsprachigen Meisterschaften in Zürich. Jetzt bringt er diese Veranstaltungsform auch an seine Schule.

Poetry Slam ist ein Literaturwettbewerb, bei dem die Teilnehmenden auf der Bühne eigene Texte vortragen. Das Publikum bestimmt anschließend den Gewinner. Die Texte können dabei ganz unterschiedlicher Natur sein – fiktive Geschichten, Gedichte, persönliche oder auch politische Texte. Das ist für Schreiber der große Reiz von Poetry Slam: „Es können direkt hintereinander Texte kommen, von denen das Publikum erst zu Tränen gerührt und fünf Minuten später zum Lachen von Tränen bewegt wird. Und das Publikum weiß das vorher nicht“, sagt er. Seit 1994 gibt es Poetry Slam in Deutschland. Längst finden die Veranstaltungen nicht mehr nur in kleinen Räumen statt, sondern auch beispielsweise in der Hamburger Elbphilharmonie.

Seit 2015 ist Florian Schreiber Poetry-Slammer. Anfangs hat sich der Mann mit dem passenden Nachnamen nicht getraut, seine Texte vorzutragen. Erst nach einiger Zeit stand er auf einer Bühne – und machte direkt eine schlechte Erfahrung: „Mein erster Auftritt war eine grandiose Katastrophe“, erzählt Schreiber. „Ich war sehr nervös, meine Beine haben geschlottert und ich bin mit Pauken und Trompeten Letzter geworden.“ Doch er traute sich wieder auf die Bühne und trug denselben Text ein paar Abende später erneut vor – und gewann. Dabei hat er eines gelernt: „Man darf nicht so viel auf die Platzierung geben, die man am Abend macht, weil Slam immer auch sehr viel Zufall ist.“ Je nach Publikum könne man mit demselben Text Erster oder Letzter werden.

Man muss sich nur trauen

Die Hürden, sich auf eine Slam-Bühne zu stellen, liegen bei einem selbst. „Das ist generell das Schöne an Slam, dass es eine extrem zugängliche Veranstaltungsform ist“, erzählt Schreiber. „Jeder, der will, kann auf eine Slam-Bühne.“ Man muss sich nur trauen. Anders als man glauben könnte, muss man als guter Slammer auch nicht unbedingt eine Rampensau sein. Man sollte laut Schreiber nur Lust haben, seinen Text zu präsentieren. „Poetry Slam verlangt nicht, dass man aus seiner Haut fährt, aber es erlaubt es zumindest“, stellt der Poetry-Slammer klar, der auf der Bühne auch gerne mal laut wird, „wenn man Lust hat, laut zu schreien auf der Bühne als darstellerisches Element, dann darf man das nutzen. Wenn man Lust hat, einen Dialog selbst mit verstellten Stimmen zu sprechen, darf man das machen. Man darf aber auch ganz ruhig, ganz klassisch vortragen.“

Poetry Slam ist für Menschen aller Altersklassen geeignet. „Ich bin auch schon gegen einen 80-Jährigen rausgeflogen“, berichtet Schreiber. Dennoch ist der Literaturwettbewerb vor allem bei jungen Leuten beliebt. Besonders die U20-Szene ist groß. So blieb sein Hobby an der Schule nicht lange geheim. Schon bald wurde Schreiber von Kollegen und Schülerinnen angesprochen, die Youtube-Videos von ihm gesehen hatten. Und es dauerte nicht lange, bis er gefragt wurde, ob er nicht den Literaturkurs leiten möchte. Der Literaturkurs am Mädchengymnasium Jülich (MGJ) wird immer nur in einem Schuljahr angeboten und endet mit einer Präsentation, die im Unterricht erarbeitet wird. In den bisherigen Jahren waren das stets Theaterstücke. 2019 wird zum ersten Mal ein Poetry Slam veranstaltet. „Poetry Slam bietet sich total dafür an, weil es auf der einen Seite das Schreiben mit erfasst und gleichzeitig auch etwas vom Theater hat und vom Spielen“, sagt Schreiber.

Seine Schülerinnen kannten Poetry Slam vor allem von Youtube-Videos, nur die wenigsten waren schon mal bei einer Veranstaltungen. Abseits großer Städte wie Aachen und Köln sind die Poetry Slam-Angebote in unserer Region rar. „Da sind andere Regionen in NRW wesentlich dichter, vor allem wenn man ins Ruhrgebiet geht“, sagt Schreiber. Also bot der Referendar den Jülicher Schülerinnen an, eine Exkursion nach Aachen zu einem Poetry Slam zu untenehmen – auf freiwilliger Basis, da die Fahrtkosten für eine Pflichtveranstaltung zu hoch gewesen wären. Auch mit Internetvideos hat er die Kunstform den Schülerinnen näher gebracht. Laut Schreiber machen die Schülerinnen beim Poetry Slam eine ganz wichtige Erfahrung: „Die Möglichkeit, fünf Minuten zu Leuten zu sprechen, die einem einfach zuhören“. Das sei nicht selbstverständlich im Alltag von jungen Menschen – ernstgenommen zu werden.

Schreiber ist begeistert von den Ideen, die die 16 Schülerinnen in den Kurs einbringen: lustige Sketche, aber auch ernste Themen und überraschend viel Politikkritik. Die Texte, allesamt von den jungen Frauen selbst geschrieben und ausgewählt, präsentieren sie am Dienstag beim Poetry Slam im MGJ vor Publikum. Zensiert hat Schreiber die Texte seiner Schülerinnen nicht. Das sei auch nicht nötig gewesen. „Die Schülerinnen haben ein sehr gutes Gespür dafür, welche Texte und Themen auch im Rahmen einer Präsentation an ihrer Schule angebracht sind“, sagt der Referendar.

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