Medizin vor 200 Jahren: Eine Lichtgestalt steht bisher im Schatten

Medizin vor 200 Jahren : Eine Lichtgestalt steht bisher im Schatten

Vor 200 Jahren wirkte in Jülich mit Joseph Anton Seulen ein Mediziner, der seiner Zeit weit voraus war. Heute kennt ihn allerdings fast niemand mehr. Dr. Horst Dinstühler, Leiter des Jülicher Stadtarchivs will dies nun ändern und arbeitet an einem Buch über die Medizin im 19. Jahrhundert im Jülicher Land.

Vor 200 Jahren krank werden – für den Menschen von heute ist das eine Horrorvorstellung. Anfang des 19. Jahrhunderts waren Ärzte nämlich nur selten eine Hilfe, sondern machten die Probleme in vielen Fällen noch schlimmer. „Das war damals reines Glücksspiel, ob die Menschen es schaffen, aus eigener Kraft gesund zu werden“, sagt Dr. Horst Dinstühler, Leiter des Jülicher Stadtarchivs, der gerade an einem Buch über die Medizin im Jülicher Land in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts arbeitet.

Warum Dinstühler ausgerechnet über die Medizin im Jülicher Land vor gut 200 Jahren schreibt, hat mit einer Person zu tun, die heute fast niemand mehr kennt. Und das völlig zu unrecht. Denn in einer Zeit, in der viele Ärzte Quacksalber waren, oder Aufschneider oder schlicht Scharlatane mit verwerflicher Berufsethik – Barbiere haben nicht nur Haare geschnitten, sondern, weil sie schon mit dem Kopf zu Gange waren, auch Zähne gezogen – wirkt Joseph Anton Seulen (von etwa 1781 bis etwa 1850) aus heutiger Sicht wie eine Lichtgestalt. „Er hat damals so gearbeitet, dass man sagen kann, dass er ein Vorgänger des modernen, wissenschaftlich vorgehenden Arztes war“, sagt Dinstühler. Seulen war ein Glücksfall für das Jülicher Land in einer Zeit, die aus heutiger Sicht von unfassbaren medizinischen Fehlleistungen geprägt war. Trotzdem, oder gerade deshalb, wurde Joseph Anton Seulen von seinen Kollegen und den Behörden damals angefeindet. Heute würde man wohl von Mobbing reden.

1814 kam Seulen nach Jülich, in einer aus medizinischer Sicht dunklen Stunden der Stadt. Die Pocken waren damals allgegenwärtig. Die Sterblichkeitsrate unter den Erkrankten sei mit zehn Prozent für damalige Krankheiten nicht horrend hoch gewesen, wie Dinstühler erklärt. „Aber weil jeder die Pocken hatte, muss man von der größten tödlichen Seuche der damaligen Zeit sprechen“, erklärt der Archivar. Und es war die Zeit der Belagerung Jülichs, mit der die Franzosen aus der Stadt vertrieben werden sollten. „Heute geht man davon aus, dass das Fleckfieber damals in Jülich zusätzlich viele Leben gefordert hat“, berichtet Dinstühler.

In dieser Situation kam Seulen nach Jülich. „Er hatte schon sehr früh angefangen, erfolgreich und systematisch gegen die Pocken zu impfen“, schildert Dinstühler Seulens frühe Arbeit noch in der Franzosen-Zeit ab 1805. Keine 40 Jahre, nachdem der Brite Edward Jenner herausgefunden hatte, dass man Menschen mit Kuhpocken immunisieren konnte, verfeinerte Seulen diese Methode in Jülich. Er impfte und führte regelmäßig Protokoll. Und er hatte Erfolg. Später sei es ihm sogar gelungen, die Kuhpocken-Lymphe länger zu konservieren als andere Ärzte und deswegen mehr Erreger für die Impsung vorrätig zu haben. „Der muss gearbeitet haben – unglaublich“, sagt Dinstühler über Seulens Pensum. Er hat wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht. „Seine Arbeit hat ein internationales Publikum gefunden.“ Auf solche Erfolge wären Wissenschaftler noch heute stolz. Es sei wenig verwunderlich gewesen, dass Joseph Anton Seulen auch in Jülich Erfolg gehabt hat.

Edward Jenner (1749-1823), englischer Arzt, der die Pockenschutzimpfung etabliert hat, verabreicht eine Impfung. Foto: imago

Er erarbeitete sich schnell den größten Bezirk als Impfarzt und Armenarzt, wurde Kreiswundarzt und erhielt einen Posten, den man heute als Gerichtsmediziner bezeichnen würde. „Er hatte damit eine öffentliche Anstellung, die ihm ein regelmäßiges Gehalt sicherte, und eine gut laufende Privatpraxis“, sagt Dinstühler. Die befand sich an einer Ecke, die es seit den Luftangriffen des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gibt. Die Stiftsherrenstraße machte früher von der Propstei wegführend keinen Linksknick, sondern verlief geradeaus und mündete in die heutige Kreuzung der Kölnstraße mit der Poststraße.

Seulen war erfolgreich, das zeigte auch die große Zahl seiner Neider. Zu denen gehörte ein Jülicher Mediziner namens Mertens. Der war Einheimischer und verband damit den Anspruch auf die öffentlichen Ämter, die Seulen bekleidete. Bis in die 1850er Jahre gab es einen Unterschied zwischen Wundärzten und studierten Medizinern. Letzteren fehlte oftmals jede praktische Erfahrung, sie waren Theoretiker, während Wundärzte weiterhelfen konnten bei Brüchen, Verbänden oder chirurgischen Eingriffen. Trotzdem galten studierte Mediziner als besser gestellt, verdienten mehr und pflegten diesen Standesdünkel, um sich von den Wundärzten abzugrenzen. Mertens allerdings gelang das gegen Seulen nicht - trotz aller übler Nachrede und obwohl der damalige Jülicher Bürgermeister Brewer versuchte, dem Zugezogenen Knüppel zwischen die Beine zu werfen wo er nur konnte.

Seulen schrieb als Armenarzt beispielsweise Rechnungen an die Stadt. Brewer verweigerte oft die Bezahlung, sei es für Reise- oder Behandlungskosten. Den Erfolg des fremden Arztes konnten sowohl Brewer als auch Mertens nicht verhindern. Seulen starb offenbar als gut situierter Mann. Den Rückschluss zieht Dinstühler aus der Inventarliste von Seulens Mobiliar. Mertens dagegen saß im Gefängnis wegen einer wohl stümperhaft durchgeführten Geburtshilfe. Er geriet in Verruf, weil er einem später zum Tode verurteilten Mörder Arsen besorgt hatte, um das Opfer zu töten. Später tauchte Mertens noch einmal auf mit einer Annonce in der Zeitung. In der warb er damit, „prima Hühneraugen zu behandeln“.

Eine Sache ist Joseph Anton Seulen stets verwehrt geblieben: die Anerkennung unter den Medizinern. Seite Zulassung hatte er noch zur Franzosenzeit erhalten. Als die Preußen im Rheinland das Sagen hatten, war sie in den Amtsstuben nicht mehr zu finden. „So blieb er immer auf der niedrigsten Stufe stehen. Er wurde als Wundarzt zweiter Klasse eingestuft. Dabei war er seiner Zeit weit voraus und hat vielen Menschen geholfen“, erklärt Dinstühler. Er plant, seine Arbeit über die Medizin im Jülicher Land im nächsten Jahr zu veröffentlichen. Die lange im Schatten stehende Lichtgestalt Joseph Anton Seulen würde das wohl freuen.

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