Hasselsweiler: Eine Kita, die schon viele Jahre inklusiv arbeitet

Hasselsweiler: Eine Kita, die schon viele Jahre inklusiv arbeitet

In der Hasselsweiler Kindertagesstätte Steppke gibt es Kinderleben inklusiv. In loser Folge stellen wir Menschen oder Institutionen vor, die Inklusion umsetzen, sich für Inklusion einsetzen oder einen besonderen Erfahrungsschatz im Miteinander haben.

Inklusion im Kindergarten — so früh? „Am besten schon im Mutterleib“, antwortet Sabine Ewert-Sagenschneider, Gruppenleiterin der Kita Steppke schmunzelnd, doch durchaus ernst gemeint im Hinblick auf so früh wie möglich. Denn: „Erfahrungen, die in den ersten drei Lebensjahren gemacht werden, sind prägend“. Prägend für die individuelle Entwicklung eines Kindes mit Förderbedarf, aber auch prägend für das Regelkind.

Leiterin der Kita Steppke, Anke Neels (von rechts), und Gruppenleiterin Sabine Ewert-Sagenschneider. Foto: Mengel-Driefert

Während die ersten Kindergärten im Zuge der Inklusion Kinder mit Förderbedarf aufnehmen, ist die Kita Steppke schon lange dabei. Anfangs war die Einrichtung körperbehinderten Kindern vorbehalten. Vor 49 Jahren gründeten engagierte Eltern die Initiative „Verein zur Förderung und Betreuung körperbehinderter Kinder Jülich“ und übernahmen die Trägerschaft der Tagesstätte. Seit 2000 werden Regelkinder, also Kinder ohne Förderbedarf, aufgenommen. Seit 2014 ist die Einrichtung offiziell inklusiv.

Die „totale Individualisierung“

„Wir sind also in dem Prozess schon lange drin“, sagt Anke Neels, die Leiterin. Heute müssen sich alle Kindergärten damit auseinandersetzen. Sabine Ewert-Sagenschneider sieht in der Umsetzung der Inklusion eine totale Individualisierung der Gesellschaft. Aber, und das ist ihr wichtig: „Wer mit Kindern mit individuellen Förderbedarf ressourcenorientiert arbeiten will, braucht ein multikompetentes Team.“ In Hasselsweiler gibt es das. Heilpädagogen, Erzieher, Sozialpädagogen, Kunst-, Psycho- und Physiotherapeuten arbeiten Hand in Hand.

Es gibt zwei Gruppen, eine heilpädagogische und eine inklusive Gruppe, das Team arbeitet gruppenübergreifend, die Türen sind nie verschlossen, die Therapieangebote nutzen alle Kinder. Insgesamt werden 25 Kinder betreut, davon haben fünf einen besonderen Förderbedarf und zehn Kinder unterschiedlichen Förderbedarf. Das können geistige und körperliche Behinderungen sein, Verhaltensauffälligkeiten, Sprachentwicklungsverzögerungen, motorische Entwicklungsverzögerungen, Autismus, Down- Syndrom bis zu mehrfachen Schwerstbehinderungen.

Wie funktioniert das Miteinander? Die Toleranzschwelle der Regelkinder gegenüber den Kindern mit Förderbedarf ist extrem hoch, antwortet Ewert-Sagenschneider. Natürlich gebe es manchmal Übergriffe, ein Zuviel an körperlicher Nähe — ausgehend von geistig behinderten Kindern. Doch die Regelkinder könnten schnell unterscheiden, von wem das kommt und sind dann gelassener. Sie lernen so den Umgang miteinander, nehmen sich in ihren Unterschieden wahr, machen entscheidende Erfahrungen für ihr Leben.

Kommt ein schwerstbehindertes Kind mit Krankenwagen in die Kita, von Pflegepersonal betreut und technischen Hilfsmitteln versorgt, reagieren die Kinder zunächst neugierig und fragen: „Was sind das für Schläuche, warum sind die da?“ Erhalten sie zufriedenstellende Antworten, gehen die Kinder zur Tagungsordnung über. Dann gebe es auch keine Berührungsängste mehr.

Noch einen Vorteil habe die Inklusion, sagen die Expertinnen: Sie erleichtert die individuelle Entwicklung eines Regelkindes mit leichten Besonderheiten. Auch diese Kinder lernten, sich zu akzeptieren und vielleicht wegen der Besonderheit wertzuschätzen.

Wie kann eine gesamtgesellschaftliche Inklusion funktionieren? Indem wir viel mehr schauen, was der Einzelne kann, sagen Neels und Ewert-Sagenschneider übereinstimmend. Der Fokus sollte darauf liegen, was sind die besonderen Fähigkeiten des Einzelnen und wie können sie genutzt werden. Also: Nicht die Defizite in den Vordergrund stellen und versuchen, sie zu kompensieren, sondern die Ressourcen ausbauen.