Anna von Kleve: Eine Jülicherin als Königin von England

Anna von Kleve : Eine Jülicherin als Königin von England

Töchter des Jülicher Landes: Der wundersame Aufstieg der Anna von Kleve und wie sie ihren Kopf gerettet hat. Denn als eine der Frauen von Heinrich VIII. ist das eine durchaus außergewöhnliche Leistung.

„Ich mag sie nicht“, lautete das Urteil Heinrichs VIII. nach dem ersten Treffen mit seiner Braut Anna, Schwester des Herzogs von Jülich-Kleve-Berg. Von den Bemühungen seines leitenden Ministers Thomas Cromwell, ihn politisch sinnvoll zu verheiraten, war der König von England „not amused“.

Nach dem Tod seiner dritten Ehefrau Jane Seymour im Jahre 1537 sollte eine strategische Vermählung die politische Isolation Englands in Europa beenden. Die Suche nach einer neuen Gemahlin gestaltete sich indes schwierig, verstieß doch der künftige Bräutigam bereits seine erste Gemahlin Katharina von Aragon und ließ die zweite, Anne Boleyn, enthaupten. Mit der Exkommunikation Heinrichs 1539 sowie der Annäherung des habsburgischen Reiches an den Erzfeind Englands, Frankreich, wurde die Suche nach einem der Reformation aufgeschlossenen Bündnispartner ausgerichtet.

Der mächtigste und reichste Fürst in Nordwestdeutschland, Wilhelm V., erschien Cromwell als der optimale Verbündete. Der Jülicher Herzog war mit dem protestantischen Führer des Schmalkaldischen Bundes, Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen, verschwägert und durch den Streit um das Herzogtum Geldern mit Kaiser Karl V. verfeindet. Idealerweise besaß er auch zwei unverheiratete Schwestern, Anna und Amalie, als Bräute zur Auswahl.

Schmeichelhaftes Porträt

So reisten die Gesandten des englischen Königs und sein Hofmaler Hans Holbein der Jüngere auf den Hof des Herzogtums Jülich-Kleve-Berg. Denn das politische Kalkül hin oder her, Heinrich VIII. war gewillt, nur jene Frau zu ehelichen, die ihm auch optisch ansprechend erschien. Ein äußerst schmeichelhaftes Porträt ließ den König in die Ehe mit Anna einwilligen.

Sie war geboren am 20. September 1515 als Tochter des Herzogs Johann III. von Kleve-Mark und seiner Frau Maria von Jülich-Berg. Während die Prinzessinnen Frankreichs und Englands auf den freizügigen Renaissance-Höfen in Tanz, Fremdsprachen, Musik und Malerei unterrichtet wurden, lernte sie Nähen und Sticken unter der strengen Obhut ihrer Mutter. Lesen und schreiben konnte die Herzogstochter nur unzureichend in ihrer Muttersprache, einem deutschen Dialekt.

Die zukünftige Königin von England trug altmodische Kleider, die ihrer hochgewachsenen, schlanken Figur wenig schmeichelten und bedeckte ihr langes Haar mit unschönen Häubchen. „Die Waffen der Frauen“ wusste die zurückhaltende Anna nicht anzuwenden und Heinrich VIII. war dies nicht gewohnt. Vielleicht war er bei der ersten Begegnung mit seiner Braut am Neujahrstag 1540 in Rochester nicht allein von ihrer schlichten Erscheinung enttäuscht, sondern auch in seiner männlichen und königlichen Eitelkeit gekränkt.

Denn das unerfahrene Mädchen erkannte zunächst in dem älteren, in einen Mantel gehüllten Mann nicht den mächtigen Herrscher und künftigen Gemahlen. Die Enttäuschung ließ den König bereits vor der Trauung nach Gründen für die Heiratsauflösung suchen. Doch eine Brüskierung seines wichtigsten Bündnispartners auf dem Festland könnte er sich zu dieser Zeit noch nicht leisten.

Brokatkleid am Hochzeitstag

An ihrem Hochzeitstag am 6. Januar 1540 trug Anna ein kostbares, mit Perlen und Silberfäden besticktes Brokatkleid. Ihr Haar schmückten Rosmarinzweige und ein mit Edelsteinen besetztes Diadem. Sie bot mit Worten des habsburgischen Botschafters, Eistage Chappuis, „einen wunderschönen Anblick“. Im Ring der Braut war der Satz, „Gott schenke mir Glück für immer“, eingraviert. Als Ehefrau und Königin von England fand sie das Glück nicht. Bereits nach der Hochzeitsnacht ließ der König an Cromwell verkünden: „Ich mochte sie vorher nicht, doch jetzt mag ich sie noch weniger.“ Im Juli ermöglichten die veränderten politischen Verhältnisse in Europa dem König, seine Ehe als nicht vollzogen zu annullieren.

Mit angeborener Intelligenz passte sich Anna den Gepflogenheiten am Hofe Heinrichs an und unterschrieb, vielleicht in Anbetracht der Schicksale ihrer Vorgängerinnen, gehorsam ihre formelle Abdankung. Als Dank erhielt sie eine großzügige Abfindung mit mehreren Herrensitzen und ein stattliches jährliches Einkommen. Fortan trug sie den Titel der „ersten Dame Englands“ nach der neuen Königin Katharina Howard und den königlichen Töchtern Maria und Elisabeth. Als „königliche Schwester“ wurde sie am Hofe stets respektvoll behandelt. Die Sprache des Landes beherrschte sie in Kürze perfekt und war für ihre Freundlichkeit und Natürlichkeit allerseits beliebt.

Frei von männlichen Autoritäten lebte sie nach der Scheidung ihre Jugend aus. Sie entwickelte eine Vorliebe für extravagante, außergewöhnliche Kleider, erlesene Trunke, gutes Essen und aufregende Spiele. „Madame von Kleve blühe regelrecht auf“, berichtete schon im September 1540 der französische Botschafter Marillac über die „abgelegte“ Gattin des Königs. Gestorben am 28. Juli 1557, wurde sie auf Veranlassung der Königin Maria mit allen Würden in der Londoner Westminster Abtei bestattet. Anna überlebte König Heinrich VIII., ihre hingerichtete Nachfolgerin und auch die sechste Gemahlin des Königs, Katharina Parr.

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