Rückbau des ehemaligen AVR-Reaktors: Ein Zitat zu Grenzwerten und seine Folgen

Rückbau des ehemaligen AVR-Reaktors : Ein Zitat zu Grenzwerten und seine Folgen

Der Satz war deutlich formuliert: „Seit Anfang 2019 sieht das Strahlenschutzrecht einen neuen Grenzwert vor, der um den Faktor 300 kleiner ist.“ Das Zitat stammt von Rudolf Printz, Geschäftsführer der Jülicher Entsorgungsgesellschaft (JEN), die für den Rückbau des ehemaligen AVR-Reaktors zuständig ist.

Es war kein Satz, der im Gespräch mit unserer Zeitung Ende Juni so nebenbei gefallen ist, weil er verdeutlichen sollte, mit welche Hürden die JEN, im Übrigen ein Bundesunternehmen, zu kämpfen hat. Baut man also den AVR-Reaktor zurück und will man das Areal kontaminationsfrei übergeben, muss die Strahlenbelastung des Bodens überprüft werden. Ändern sich die Rahmenbedingungen, müssen die bisherigen Konzepte angepasst werden – das kostet Zeit, erst recht, wenn die Grenzwerte so deutlich geändert werden, dass es schwierig werden könnte, die Strahlenbelastung überhaupt noch zu messen, um den entsprechenden Nachweis zu erbringen.

Hätte Printz im Juni geahnt, was dieser eine Satz auslösen könnte, hätte er ihn vielleicht anders formuliert, am Ergebnis hätte es aber nur wenig geändert. Oliver Krischer, Bundestagsabgeordneter der Grünen aus Düren und stellvertretender Fraktionsvorsitzender seiner Partei im Bundestag, hat diesen Satz zum Anlass genommen, Anfang August eine Anfrage beim Bundesministerium für Bildung und Forschung zu starten.

Krischer wollte wissen, ob die Aussage des Geschäftsführers stimmt, welche Zeitverzögerungen damit beim Rückbau des AVR-Versuchsreaktors verbunden sind und mit welchem erhöhten Zeitbedarf für neue Messreihen zur Freigabe der Bodenflächen zu rechnen sei. Die verblüffende Antwort des Ministeriums: „Die Werte für die Freigabe von Bodenflächen der Strahlenschutzordnung vom 29.11.2018 sind unverändert diejenigen Werte für die Freigabe von Bodenflächen der Strahlenschutzverordnung vom 20.6.2001“, antwortet mit Michael Meister der zuständige Parlamentarische Staatssekretär des Forschungsministeriums.

Beseitigung der radioaktiven Bodenkontamination

Oliver Krischer bewertete die Antwort so: „Hier scheint zwischen der JEN und den zuständigen Ministerien erhebliche Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich des Sanierungsaufwands für den Boden zu geben. Das muss schleunigst geklärt werden, um die Beseitigung der radioaktiven Bodenkontamination unter dem ehemaligen AVR nicht weiter zu verzögern.“

Von erheblichen Meinungsverschiedenheiten kann man nach Ansicht der JEN allerdings nicht sprechen, auch, wenn die Antwort des Bundesministeriums implizieren könnte, dass die Aussage von Printz falsch sein könnte, weil die Werte sich ja nicht geändert hätten. Und es stimmt sogar, „dass die Freigabewerte für Bodenflächen in der Strahlenschutzverordnung von 2018 identisch sind mit den Werten der Verordnung von 2001“, sagt Jörg Kriewel, Sprecher der Jülicher Entsorgungsgesellschaft. Insofern sei die Aussage des Ministeriums auch korrekt.

Und dann kommt das Aber. Sind in der alten Verordnung Freigabewerte für Bauschutt und Bodenaushub vorgegeben, ist hingegen in der neuen Verordnung nur noch von Bauschutt die Rede. Kriewel: „Für Bodenaushub sind seit dem 31.12.2018 nunmehr die Werte für Bodenflächen anzuwenden.“ Konnte man also mit Blick auf den Nachweis von Strontium 90 einen Grenzwert von 600 Becquerel je Kilogramm einhalten, sind es nun zwei Becquerel.

Kriewel: „Hiermit leitet sich die Aussage von Herrn Printz ab, dass seit Anfang 2019 das Strahlenschutzrecht einen neuen Grenzwert vorsieht, der um den Faktor 300 kleiner ist.“ Das allerdings müsste das Bundesministerium für Bildung und Forschung eigentlich wissen. Immerhin hatte zuvor schon die atomrechtliche Aufsichtsbehörde, dass NRW-Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie, bei der JEN nachgefragt, so dass man der eigenen Aufsicht eine entsprechende Stellungnahme zugeschickt hatte. Die ging am 24. Juli in Kopie ebenfalls an das Bundesforschungsministerium. Bei der Antwort an Oliver Krischer am 12. August hätte man die Aussagen der JEN also berücksichtigen können.