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Jülich: Ein zeitloses Beispiel für die Fehlbarkeit

Jülich : Ein zeitloses Beispiel für die Fehlbarkeit

Wenn sich das Jülicher Publikum in Scharen in eine fast ausverkaufte Stadthalle begibt, um die Aufführung „Faust I.” zu sehen, dann ist das schon ein Zeichen höchsten Interesses an klassischen Stoffen und Literatur. Und die Besucher des letzten Theaterabends in der diesjährigen Abo-Reihe wurden nicht enttäuscht.

Der Mensch, der sucht, der Mensch, der fällt, der Mensch, der anfällig für das Böse ist, die Macht des Bösen über den Menschen - das ist Goethes Faust.

Unter der Regie von Martina Bode brachte die Landesbühne Sachsen-Anhalt einen wortgetreuen Faust auf die Bühne, der voller sprachlicher Gewalt und Ausdruckskraft vermittelt wurde.

Und das auf eine ganz neue Art und Weise, höchst lebendig und in seiner Kritik an der menschlichen Spezies mit ihren Anfälligkeiten für Teufel, Hölle und Höllisches, Übersinnliches kritisch gesehen und gespielt.

Bühnenbild und Kostüme, in der Hand von Ausstatter Rainer Kunze, verstärkten das Wort, sie schufen zeitlose Szenen.

Egal ob Studierstube, Auerbachs Keller, volkstümliches Getümmel, sexistische Orgien, das menschliche Leben in all seinen Facetten wurde deutlich. Es gab jedoch keine Gradwanderung zwischen gutem und schlechtem Geschmack. Die Deutlichkeit ließ keine Zweideutigkeit zu.

Eine Menge hat kein Gesicht, Sexualität und Orgie haben kein persönliches Profil und keinen Namen. Die Menschen, die auftauchen sind Beispiele für das Verfehlen des Menschen, für seine Schwächen und sein Versagen. Das menschliche Streben nach Höherem, nach Verstehen, nach Magie und Übersinnlichem - nach einem Suchen, nach allem was der Mensch trotz Wissenschaft und Religion nie begreifen wird, ist menschlich und wird es immer bleiben.

Bühnenbild, Ensemble, Technik - alles war perfekt. Hervorragend ist die Leistung der Schauspieler zu bewerten. Sowohl die Rollen des Dr. Faustus (Ralph Richter) wie auch des jungen Faust (Oliver Beck) als auch des Gretchens (Friederike Butzengeiger) waren bestens besetzt und wurden von den Schauspielern perfekt ausgefüllt. Günstig wirkte es sich aus, dass Faust als suchender, alternder Gelehrter und Faust, der durch teuflische Kräfte wieder den Sinnenfreuden des Lebens zugänglich wird, von zwei verschiedenen Darstellern gespielt wurden.

Ein Novum auch die Besetzung des Mephisto durch eine Frau. Schon im Foyer, bei Gesprächen vor der Vorstellung führte dies zu Vermutungen, Kritik und Skepsis. Ist das Teuflische vielleicht doch eher in der weiblichen Natur einzuordnen?

Die Lösung der Frage war schnell gefunden. Mit Susanne Bard als Mephisto war eine Schauspielerin gefunden, die so brillant mit Mimik, Stimme und Ausstrahlung einen Teufel gab, der teuflischer nicht hätte sein können. Sie brillierte in ihrer Rolle dermaßen, dass inhaltliches Geschehen, sprachliches Erfassen auch der anderen Rollen zum reinen Vergnügen und bei aller Schwere des Stoffes zum reinen Theaterspaß wurden. Mit wirbelnder Turbulenz und Bühnenpräsenz, mit wortgewaltigen Monologen und Dialogen, mit Gestik und Mimik, mit Parodie und Komik, mit kabarettistischen Einlagen begeisterte und amüsierte sie ihr Publikum, stimmte es aber auch nachdenklich.

Dieser Faust war ein einmaliges Theatererlebnis in Jülich und nach vielen guten Aufführungen die Krönung der Saison.

Großer Applaus und laute Bravo-Rufe waren der Dank für den Theaterabend, der der letzte der diesjährigen ABO-Reihe war. Er kann aber sicherlich nach dieser erfolgreichen Saison nicht „der” letzte Theaterabend für die Bürger der Stadt Jülich gewesen sein.