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Interview mit Lioba Werrelmann: Ein Hinterhaus mit tödlichen Geheimnissen

Interview mit Lioba Werrelmann : Ein Hinterhaus mit tödlichen Geheimnissen

Die Küche in ihrer Kölner Wohnung ist gemütlich. Das Aroma von frisch gebrühtem Kaffee durchzieht den Raum, Croissants und Schokobrötchen liegen schon bereit. Dazu feine Sonnenstrahlen, die durch das Fenster auf den Frühstückstisch fallen. So hell und freundlich die Atmosphäre, so düster das Thema: Denn es geht um einen Krimi, den Lioba Werrelmann geschrieben hat, ihren ersten.

Werrelmann? Klingt bekannt. Richtig: Lioba Werrelmann stammt aus Jülich, wo ihre Eltern im Nordviertel eine Bäckerei führten. Nach dem Abitur am Jülicher Gymnasium Zitadelle studierte sie Politikwissenschaften. Ein Volontariat absolvierte sie beim WDR, arbeitete als freie Journalistin und Redakteurin, bis sie für den WDR als Korrespondentin nach Berlin ging. Sie arbeitet auch weiterhin für den WDR, aber eben in Köln selbst. Im Interview mit Günter Vogel spricht sie über ihr Werk.

„Hinterhaus“ heißt der Roman, der gerade erschienen ist, und klar, er spielt – wie der Titel bereits andeutet – in Berlin, genauer im Stadtteil Prenzlauer Berg, also im ehemaligen Osten der Stadt, heute ein hippes, das heißt angesagtes Viertel. Dort gerät die Hauptfigur zufällig in einen Kriminalfall und natürlich, wie es sich für einen Krimi gehört, in große Gefahr.

Frau Werrelmann, warum gerade ein Krimi?

Werrelmann: Vor ein paar Jahren habe ich ein sehr persönliches Buch veröffentlicht. Da ging es um meinen angeborenen Herzfehler und um die Odyssee von Arzt zu Arzt. Das hat mein Leben umgekrempelt, aber etwas Ähnliches mit so starken persönlichen Bezügen wollte ich nicht noch einmal schreiben. Ich habe deshalb mehrere Buchprojekte auch abgelehnt. Die Idee zu „Hinterhaus“ spukte aber schon lange in meinem Kopf herum. Ich liebe Krimis, bin totaler Fan, und ich lese auch fast nur Krimis. Ich wollte immer einen schreiben. Ja, und der liegt jetzt vor.

Da gibt es also keine autobiografischen Bezüge mehr?

Werrelmann: Direkte überhaupt nicht, höchstens ganz kleine Details. Allerdings habe ich in dem Hinterhaus, das in dem Roman düster und mit Geheimnissen der Bewohner behaftet beschrieben wird, in Berlin gewohnt. Es war feucht, dunkel und ist echt wie alle Orte, die im Roman vorkommen. Aber natürlich bin ich nicht über eine Leiche gestolpert wie die Hauptperson des Krimis. Das ist Fiktion, obwohl: Ich hatte irgendwann einmal gehört, dass da ein Junge verschwunden ist, dessen Leiche man kurze Zeit später fand und nicht wie im Roman nach 20 Jahren. Das hat mich auch inspiriert zu der Geschichte.

Apropos „Geschichte“ und ohne allzu viel zu verraten: Ein anderer Hintergrund im „Hinterhaus“ ist ein DDR-Wochenheim. Was hat es damit auf sich?

Werrelmann: Die Idee war ja, wie gesagt, über ein Haus zu schreiben, vor allem ein Haus mit Deutsch-Deutscher Geschichte und mit den Geheimnissen, die mit einem solchen Haus verbunden sind. Da kommt nämlich jetzt das Wochenheim ins Spiel. Zufällig habe ich eine Frau kennengelernt, die war als Kind in einem solchen Wochenheim und hat mir davon erzählt. Das fand ich sehr bedrückend. Als Korrespondentin für Familienpolitik habe ich über die Aufarbeitung der DDR-Heimerziehung berichtet, die Wochenheime kommen in der einschlägigen Literatur aber faktisch nicht vor. Das wollte ich aber in meinem Roman unbedingt einbauen. Diese Wochenheime, und was das mit den Kindern gemacht hat, darüber wollte ich schreiben.

Der Krimi ist recht ungewöhnlich. Es gibt keinen ermittelnden Kommissar oder ein Ermittlungsteam, keine Spurensicherung, die Polizei kommt auch nur eher am Rande vor.

Werrelmann: Dafür gibt es zwei Gründe: Ich bin keine Kommissarin, ich möchte nicht über etwas schreiben, was ich nicht kenne. Ich bin aber Journalistin, und deshalb wollte ich auch aus der Sicht einer Journalistin schreiben. Das ist ein zugegebenermaßen anderer Ansatz. Aber ehrlich gesagt: Es gibt doch schon genug Kommissare. Da sollte nicht noch einer dazu kommen.

Auch ungewöhnlich ist die Erzählform im Präsens. Das ist vermutlich ja mit Absicht geschehen und nicht aus einer Laune heraus.

Werrelmann: Das stimmt. Die Form erschien mir direkter. Ich wünsche mir, dass die Leser direkt dabei sind. Es soll das Gefühl entstehen, es passiert genau jetzt. Dazu passt auch die kurze, prägnante, manchmal drastische Sprache. Das ist Sprechsprache. Das war auch schon bei meinem ersten Buch so. Ich mache ja Radio, und wir bevorzugen kurze Sätze. Ich möchte, dass die Leser das einfach so verschlingen können. Es gibt natürlich geniale Schriftsteller, deren Sätze wunderbar sind. Ich selbst finde die gesprochene Sprache sehr schön. Ich möchte, dass ein Buch sich so liest, als wenn jemand neben mir auf dem Sofa sitzt und mir etwas erzählt.

Klingt etwas nach Hörbuch.

Werrelmann: Ja, das könnte man so sagen. Ich habe Gebrauchsliteratur geschrieben in einer einfachen, aber doch hoffentlich spannenden Sprache. Von daher ist der Krimi auch als Hörbuch erschienen, wie der Roman am 31.Mai.

An Lioba Werrelmanns Haustür klingelt es. „Sorry“, sagt sie. „Der Postbote. Ich wohne ja hier Parterre und nehme für die anderen schon mal die Pakete an.“ Es ist tatsächlich ein Paket, aber für sie selbst. Was für ein schöner Zufall, wie bestellt. Im Paket liegen Exemplare ihres Romans, druckfrisch sozusagen vom Verlag zugesandt. „Fast wie Weihnachten,“ stellt sie fest. „Wenn ich das Paket jetzt auspacke, wäre das der richtige Augenblick für ein Foto.“