Diskussionsveranstaltung im KuBa zur Pogromnacht

Pogromnacht vor 80 Jahren: Welche Lehren für heute gelten

Die Progromnacht vom 9. November 1938 markiert eine drastische Verschärfung der staatlichen Maßnahmen gegen jüdische Bürger im nationalsozialistischen Deutschland und schockierte damals die Weltöffentlichkeit angesichts der enormen Gewaltausübung.

Anlässlich des 80. Jahrestages des Ereignisses hat die Jülicher Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz im Kulturbahnhof einen Vortrags- und Diskussionsabend veranstaltet und gezeigt, was sich in der Herzogstadt zugetragen hat und wie es überhaupt dazu kommen konnte.

Guido von Büren, Vorsitzender des Jülicher Geschichtsvereins, hatte einen Vortrag vorbereitet, in dem viele Facetten des damaligen Lebens beleuchtet wurden. Zudem gab es viele interessante Fotos des alten Jülich kurz vor dem Zweiten Weltkrieg zu sehen. „Die Recherchen waren nicht leicht, da viele Unterlagen im Krieg vernichtet wurden und ich möchte meinen Kollegen Susanne Richter und Horst Dinstühler für ihre Hilfe hierbei danken“, leitete von Büren seinen Vortrag ein.

Dank der damaligen Planungen zur Innenstadtsanierung hatte der Aachener Professor für Städtebau, Rene von Schöfer, 1938 eine detaillierte Fotodokumentation erstellt, die heute einen sehr guten Überblick über das Aussehen der Stadt vor der Zerstörung bietet. Jülich hatte seinerzeit knapp 12.000 Einwohner. Der damalige Bürgermeister hieß Johannes Kintzen. Es gab unter der Regierung der NSDAP keine politischen Diskussionen und allen Vorlagen der Verwaltung wurde sofort zugestimmt. Insgesamt fanden in jedem Jahr viele alltägliche Veranstaltungen statt, doch der staatlich organisierte Antisemitismus zeigte sich im Alltag unter anderem durch die Zwangsenteignung jüdischer Geschäfte.

Kurz nach den vorgeschriebenen Gedenkfeiern für den gescheiterten Hitlerputsch von 1923 wurde bekannt, dass in Paris der deutsche Botschaftsrat Ewald von Rath vom polnischen Juden Herschel Grynszpan erschossen worden war, der damit auf das Schicksal seiner zwangsdeportierten Familie aufmerksam machen wollte. Propagandaminister Joseph Goebbels organisierte daraufhin landesweit ein Pogrom, bei dem Synagogen, Geschäfte und Wohnungen geplündert und teils niedergebrannt wurden und bei dem die jüdischen Bürger misshandelt, inhaftiert und teils in Konzentrationslager deportiert wurden.

Auch in Jülich wurde die Synagoge geschändet und niedergebrannt und es gibt zumindest einen gut dokumentierten Misshandlungsfall. Im Jahresbericht der Stadt hieß es wenige Wochen später nur, dass man auch in Zukunft bestrebt sei, den großen Zielen des Führers zu dienen. Die Folgen sind bekannt: Jülich wurdeim Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört.

In der anschließenden durch von Büren moderierten Diskussionsrunde berichteten im ersten Gespräch Geschichtslehrer und Schüler von den Gymnasien Haus Overbach und Zitadelle von ihren Projektarbeiten zum Thema Reichspogromnacht, wozu es auch eine Ausstellung gibt.

In der zweiten Diskussionsrunde beleuchteten Bürgermeister Axel Fuchs, der Kölner Historiker Wolfgang Hasberg und Heinz Spelthahn, Vorsitzender der Gesellschaft gegen das Vergessen und für die Toleranz, die Lehren des Pogroms für die heutige Zeit und wie wichtig es sei, radikale politische Strömungen kleinzuhalten, sich keine Angst vor dem Fremden einreden zu lassen und die Erkenntnisse von damals an die heutige Jugend weiterzugeben.

Bei der Diskussionsrunde hatten die Zuhörer im Kulturbahnhof die Möglichkeit, Fragen zu stellen, was gerne genutzt wurde. Einig waren sich alle, dass es auch in Zukunft Erinnerungsorte geben muss und auch die Kinder kommender Generationen über die damaligen Ereignisse informiert sein müssen.

(bw)
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