Inden/Frenz: Dioxin an der Inde: Bürger beunruhigt, aber nicht in Panik

Inden/Frenz : Dioxin an der Inde: Bürger beunruhigt, aber nicht in Panik

Totes Land. Mareike Wollschläger spricht von totem Land und meint damit den größten Teil der landwirtschaftlichen Fläche hinter dem Gehöft aus dem Spätmittelalter bei Inden-Frenz, das sie und ihr Mann bewirtschaften.

Seit fünf Jahren restaurieren die Wollschlägers die sogenannte Frenzer Mühle. „Wir haben dafür gekämpft und gearbeitet, dass das wächst. Und jetzt ist das Land tot. Aufgrund von höherer Gewalt, ohne dass es einen Schuldigen gibt“, sagt die Landwirtin im Nebenerwerb. Das Paar weiß im Moment nicht, ob der Traum vom kleinen Bio-Hof geplatzt ist. „Da fühlt man sich hilflos und verzweifelt“, sagt sie.

Der Grund ist ein Problem in der Nähe der Inde, dass nicht nur die Wollschlägers betrifft, aber sie besonders hart. In der vergangenen Woche wurde öffentlich, dass der Boden im Überschwemmungsgebiet der alten Inde an vielen Stellen stärker mit Dioxin und Schwermetallen wie Blei und Cadmium belastet ist als es die Richtlinien zulassen. Das haben Messungen des Kreises Düren ergeben. Deswegen sind wenigstens zwei Drittel der Ländereien unterhalb der Frenzer Mühle im Moment gesperrt für landwirtschaftliche Nutzung, wenn diese unmittelbar Nahrungsmittel produziert. Eier, Milch, Fleisch, Kartoffel — aus dem belasteten Überschwemmungsgebiet der Alt-Inde darf das nicht mehr verkauft werden. Die Wollschlägers verkaufen schon seit Jahresbeginn nicht mehr, seit die Proben genommen wurden.

Alt-Inde, weil der Fluss verlegt wurde. Früher verlief er durch Frenz, heute umgeht er den Ort südlich. In Frenz ist es ein offenes Geheimnis, dass die Inde früher stark belastet war. Viele Einwohner haben die Industrie früherer Tage im Stolberger Bereich in Verdacht. Mit Namen in der Zeitung stehen wollen die wenigsten, sicher sind sie sich trotzdem.

Spielplätze gesperrt

„Im Ort ist eine gewisse Unruhe zu spüren“, sagt Ortsvorsteherin Hella Rehfisch (Grüne). Viele Menschen wollten jetzt wissen, ob ihr Grund mit Schadstoffen belastet ist. Die Analyse ist nach Angaben der Umweltbehörden aufwendig, weil es Dutzende verschiedene Dioxin-Verbindungen gibt, auf die getestet werden muss. Das könne durchaus bis zum Herbst dauern, erfuhr unsere Redaktion.

Seit Montag sind die Spielplätze gesperrt — vorsorglich. Erste Stichproben des Kreises haben bisher an anderen Stellen ergeben, dass die Dioxin-Belastung des Bodens bis zu einhalbmal höher ist als erlaubt, der Wert für Blei ist bis zu sechsmal höher, der für Cadmium mehr als doppelt so hoch. Jetzt warten die Frenzer die Proben aus dem Kindergarten, von den zwei Spielplätzen und anderen Stellen ab.

Gejubelt hat keiner der rund 670 Frenzer, als diese Nachrichten in der vergangenen Woche die Runde gemacht haben. Der Schock hält sich aber in Grenzen. Schließlich, so sagten mehrere Bewohner, habe man das schon immer gewusst. Groß und alt geworden seien die Bewohner trotzdem. Das bestätigt auch Rehfisch. „Das könnte sein wie mit der dicken Spinne unter dem Bett. Wenn ich das weiß, dann schlafe ich in einem anderen Raum. Wenn ich es nicht weiß, schlafe ich seelenruhig.“

Bewohner sind abgehärtet

Hört man einigen Frenzern zu, so stellt man fest, dass wenigstens einige abgehärtet bis abgestumpft sind, was Umweltbelastungen angeht. Der Ort liegt zwischen dem Kraftwerk Weisweiler und dem Tagebau Inden, die Autobahn 4 ist nicht weit weg. Einige Frenzer berufen sich darauf, dass die Empfehlungen des Kreises — nicht aus eigenen Brunnen trinken, keine ungeschälten Bodenfrüchte essen, Spielplätze sperren — Vorsichtsmaßnahmen sind, falls der schlimmste Fall eintritt. Davon geht fast niemand in Frenz aus.

So äußert sich auch Mareike Wollschläger. Sie musste aber dazulernen, dass nicht nur die Fläche stärker belastet ist, durch die der Altarm verlief, sondern auch die einstigen Überschwemmungsgebiete. „Bis zum Anfang des Jahres haben wir gedacht, dass unsere Ländereien weit genug weg sind vom Altarm. Deswegen haben wir den Messungen des Kreises gelassen entgegengesehen.“ Die wurden intensiviert, als bei Routine-Untersuchungen in einer Heumiete zu viel Dioxin gefunden wurde. „Ich finde es gut, dass der Kreis sehr offen mit den Ergebnissen umgeht. Schließlich buddele ich jeden Tag in diesem Boden“, sagt Wollschläger.

Sollte es zum Äußersten kommen, weil Felder und Wiesen gesperrt bleiben und Gärten ausgekoffert und umgebaut werden müssen, dann dürfte es vorbei sein mit der Ruhe in Frenz. Dann wären nicht nur die Wollschlägers und andere Landwirte im Nebenerwerb finanziell betroffen und alleingelassen mit dem Schaden, sondern bis zu 300 Haushalte. Bürgermeister Jörn Langefeld kündigte am Montag an, juristisch gegen die Verursacher der Bodenbelastung vorzugehen. Im schlimmsten Fall kämpft er gegen höhere Gewalt an.

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