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Ein Jahr nach dem Hochwasser: Die Woge droht der Flut-Versicherung mit Klage

Ein Jahr nach dem Hochwasser : Die Woge droht der Flut-Versicherung mit Klage

Auch ein Jahr nach der Flut sind die Schäden an den Häusern der Wohnungsbaugenossenschaft (Woge) in Jülich immer noch nicht repariert. Der Grund: Die Versicherung zahlt nicht. Jetzt droht die Woge mit einer Klage.

Auf den Cent genau kann Woge-Vorstand Bernd Liebeskind beziffern, was die Jülicher Wohnungsbaugenossenschaft nach dem Hochwasser im Sommer 2021 von ihrer Versicherung zur Schadensregulierung erhalten hat: 108.326 Euro und 66 Cent. Das Problem: Der Schaden, den das Hochwasser in genau 58 Objekten angerichtet hat, beträgt insgesamt 814.000 Euro und die Versicherung stellt sich laut Liebeskind stur. Das hat Auswirkungen für die Mieter.

Als das Wasser in der Rur ziemlich genau vor einem Jahr stieg und stieg, waren auch viele Mieter der Woge betroffen. Zwischen Vogelstange, Freiherr-vom-Stein-Platz, Zülpicher Straße, Bergischer und Klevischer Straße, Herzogin-Jakobe-Straße und Lorsbecker Straße wurden die Keller geflutet. Schon zwei Wochen nach dem Ereignis machte die Woge eine erste Rechnung auf, gab den Schaden mit 350.000 bis 450.000 Euro an. Das war eher konservativ geschätzt. Im 1. Quartal 2022 lagen der Woge die notwendigen Kostenvoranschläge vor, bis dahin war der Gesamtschaden schon auf 814.000 Euro angestiegen.

 Feuerwehr und THW waren vor einem Jahr im Einsatz, um die Keller im Bereich der Vogelstange leer zu pumpen.
Feuerwehr und THW waren vor einem Jahr im Einsatz, um die Keller im Bereich der Vogelstange leer zu pumpen. Foto: Anne Schröer

Die Woge hat zunächst das gemacht, was man in solchen Fällen macht: Heizungsanlagen und die Elektrik wurden erneuert, vor allem aber Trocknungsgeräte beschafft. Das war unmittelbar nach der Flut eine Herausforderung. Liebeskind: „Unsere Mieter haben in Eigenregie die Keller geleert und überwiegend auch die Trocknung mit den von uns zur Verfügung gestellten Geräten initiiert. Die Mieter haben wirklich viel selbst gemacht.“ Da, wo den Mietern Kosten entstanden sind, wurden die auch von der Woge beglichen.

Allerdings sitzt die Woge selbst noch auf einem Kostenberg. „In vielen Bereichen stellt sich die Versicherung einfach tot. Da kommt nichts“, sagt Bernd Liebeskind. Kommen müssten ziemlich genau 583.000 Euro. Das ist die Summe, die nach Abzug der Selbstbeteiligung von etwa 125.000 Euro, die die Woge tragen muss, noch fehlt. Die Gespräche mit der Versicherung gestalten sich aus Sicht des Woge-Vorstandes mehr als zäh: „Nach den ersten Kontakten mit der Versicherung haben wir die geforderten Kostenvoranschläge eingeholt. Zusätzlich ist eine Sachverständige der Versicherung mit uns durch jedes Objekt gegangen. Den letzten Termin hatten wir vor drei Monaten“, berichtet Liebeskind.

 Bis heute konnte die Woge die Keller nur trocknen, aber nicht sanieren, weil die Versicherung bisher nicht gezahlt hat.
Bis heute konnte die Woge die Keller nur trocknen, aber nicht sanieren, weil die Versicherung bisher nicht gezahlt hat. Foto: Woge

Allein dieses Verfahren gestaltete sich schon extrem zeitaufwendig. 58 Objekte zu begutachten, ist auch für die Woge eine Herausforderung. „Ein Gutachten der Sachverständigen, das wir einsehen könnten und das wir auch selbst bewerten könnten, liegt bis heute nicht vor“, sagt Liebeskind. Im Gegenteil: „Die Versicherung sagt uns, dass es gar kein schriftliches Gutachten gibt, sondern nur mündliche Aussagen.“ Auch auf einen Termin mit dem Schadensregulierer der Versicherung musste die Woge fast genau ein Jahr warten.

Liebeskind, von Beruf Anwalt, kennt sich mit Versicherungsfällen aus: „Schadensregulierer arbeiten immer sehr zielorientiert. Sie wollen immer schnell eine Lösung herbeiführen.“ Auch deshalb hatte die Woge auf den Gesprächstermin gedrängt. Der hat Mitte Juli stattgefunden – und endete im Streit. Indirekt sei der Woge bei dem Termin vorgeworfen worden, man habe zu hohe Angebote erstellen lassen“, fasst Liebeskind das Gespräch aus seiner Sicht zusammen – „das war fast schon ehrverletzend“.

 Die Schäden sind in den Kellern im Heckfeld sind enorm. Die Woge gibt sie mit 814.000 Euro an
Die Schäden sind in den Kellern im Heckfeld sind enorm. Die Woge gibt sie mit 814.000 Euro an Foto: Woge

Deswegen sei auch nach wie vor unklar, wann mit einer Regulierung der Schäden zu rechnen ist. Für die Woge bedeutet das, dass sie die Arbeiten nicht beauftragen darf und die Mieter auch über ein Jahr nach der Flut ihre Keller gar nicht oder nur eingeschränkt nutzen können. Liebeskind: „Wir können jetzt nicht selbst alles schick machen, weil wir damit letztlich Beweise vernichten würden.“

Was Liebeskind besonders ärgert, ist, dass die Versicherung auch keine alternativen Angebote vorlegt: „Ich will doch nur, dass die Versicherung uns sagt, in welchen Fällen wir eine Schadensregulierung beauftragen können, und in welchen Fällen wir die Angebotshöhe überprüfen müssen. Und natürlich könnte die Versicherung uns auch günstigere Firmen benennen.“

Was den Vorgang so absurd macht, ist ein ganz anderer Umstand: Die Woge-Vorstände Bernd Liebeskind und Florian Gloßner sind beide überzeugt, dass auch die von der Versicherung nicht akzeptierten Kostenvoranschläge heute schon überholt sind. „Die Preissteigerungen sind nicht erfasst und es ist auch nicht berücksichtigt, dass Material teilweise gar nicht zu bekommen ist“, sagt Liebeskind. Und Vorstand Florian Gloßner ergänzt: „Würden wir den Schaden heute begutachten lassen, lägen wir vermutlich eher bei einer Million Euro.“

Klar ist, dass die Woge handeln muss. „Wir haben der Versicherung eine Frist gesetzt. Die läuft noch. Bisher gab es keine Reaktion“, formuliert Liebeskind. „Handelt sie nicht, steuern wir auf eine gerichtliche Auseinandersetzung zu“, ergänzt er. Kommt es zur gerichtlichen Auseinandersetzung, hat die Woge auch die Möglichkeit, die Schadenssumme neutral überprüfen zu lassen und könnte sich daran machen, die Schäden zu sanieren. Das dürfte aber noch dauern.