Die „Rosa-Hellblaue-Falle“ im KuBa sparsam besucht

Die „Rosa-Hellblaue-Falle“ im Kulturbahnhof Jülich : Veranstaltung über Rollenklischees nur sparsam besucht

Seit 108 Jahren wird im März der Internationale Frauentag in Deutschland gefeiert. Über die Jahrzehnte verändern sich die Themen, die aus diesem Anlass Jahr für Jahr von Frauenorganisationen und institutionellen Gremien angesprochen werden.

Die Problematik spricht jeweils die gegenwärtige politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Gleichstellung von Mann und Frau an. Befinden wir uns aktuell in einer Rückentwicklung, was die gesellschaftlichen Geschlechterrollen betrifft, und welche Auswirkungen hat das auf unsere Kinder?

Diesen Fragen wollte die Veranstaltung „Die Rosa-Hellblaue-Falle – eine Entwicklung ohne Rollenklischees“ im Jülicher Kulturbahnhof auf den Grund gehen. In ihrer Begrüßung stellte Jessica Fischer als Gleichstellungbeauftragte der Stadt Jülich zunächst die Kooperationspartner und ihre Vertreterinnen vor.

Mitausrichter der Veranstaltung waren das Büro für Chancengleichheit im Forschungszentrum Jülich mit Martina Brandt, die VHS Jülicher Land mit Susanne Kalkowski und die Beratungsstelle für Frauen und Mädchen im Kreis Düren mit Marie Brenner.

In die Thematik führte die Gleichstellungsbeauftragte mit einigen die Rollenklischees betreffenden Beispielen ein. „Warum werden so wenige von uns Feuerwehrfrauen oder Maschinenbauerinnen und warum werden so wenige Männer zu Geburtshelfern oder Erziehern? Gibt es in unserer mit Konsum überfrachteten Gesellschaft überhaupt noch die Möglichkeit, Kinder ohne diese Rollenklischees zu erziehen?“

Multimediale Aktionen

Almut Schnerring und Sascha Verlan als Referenten und Autoren des Buches „Die Rosa-Hellblaue-Falle“ erklärten die aus ihrer Sicht möglichen Ursachen. „Wir sind ein Journalistinnen-Team“, sagte Schnerring, „und damit fühle ich mich auch angesprochen“, betonte Verlan zum Auftakt des mit vielen Fotos veranschaulichten Vortrags. Auf das Thema sind sie teilweise beruflich und im Übrigen als Eltern von drei gemeinsamen Kindern aufmerksam geworden.

Mit ihren Vorträgen und multimedialen Aktionen wollen sie im Bereich Gleichstellung in der Berufswelt das Mitdenken an die nächste Generation anregen. „Damit wir nicht in 20 Jahren wieder hier stehen und über das gleiche Thema diskutieren.“ Ihre Schlussfolgerungen in der dargestellten Problematik seien von vielseitigen, teilweise internationalen Studien untermauert und werden von alltäglichen Beispielen bekräftigt. Denn „alles, was wir tun, fängt beim Tag eins an.“ Der „Gender Pay Gap“, zu deutsch der geschlechtsspezifische Lohnunterschied, beginnt in Deutschland bereits im Kinderzimmer mit einem „Taschengeld Gap“. Im Durchschnitt bekommen Jungen mehr Geld als Mädchen.

Ebenso der „Gender Care Gap“, wo in der Erwachsenenwelt 80 Prozent aller Fürsorgearbeiten privat, ehrenamtlich und beruflich von Frauen übernommen werden, spiegelt sich weltweit, darunter auch in deutschen Familien wieder. Laut Unicef arbeiten die Mädchen in der Altersgruppe von neun bis 14 Jahren im Haushalt 160 Millionen Stunden mehr im Jahr als die Jungen.

Im Vergleich fehlen ihnen diese Stunden, um eine Schule zu besuchen, sich weiterzubilden oder einfach die Zeit frei zu bestimmen. Die Diskussionen rund um den Alltagssexismus sind unter den erwachsenen Menschen kein Novum, doch auch der Sexismus beginnt im zarten Alter von ein paar Monaten. Diese These wird von dem Journalistenpaar mit einem Foto gestützt. Zu sehen ist ein Strampler mit der Figur eines eindeutig männlichen Babys als Superman und einer Unterschrift „Ich bin da. Sperrt eure Töchter ein.“

Unter den Gender-Begriffen wurde auf das Gender-Marketing ausführlich eingegangen. Die geschlechterbezogener Vermarktungsstrategie von Produkten und Leistungen hat längst ihren seit 2006 rasanten Einzug im Konsumbereich auch auf die Nische von Kinderwaren ausgeweitet. So gibt es zum Beispiel separate Legosteinserien und rosa Überraschungseier für Mädchen, blaues Superhelden-Shampoo und Monsterfighter-Kostüme für Jungen.

„Teufelskreis des Gendermarketings“

Die Produktindustrie, Werbung und Medien vermitteln zunehmend, dass Mädchen und Jungen in unterschiedlichen Welten leben, unterschiedliche Interessen haben und von Geburt an andere Fähigkeiten mitbringen. Anhand vom „Teufelskreis des Gendermarketings“ erklärten Schnerring und Verlan die Zusammenhänge von geschlechterspezifischem Marketing und der Entstehung oder Vertiefung von Rollenklischees in der Gesellschaft.

Mit der Kreation von Produkten in blau und rosa werden die Normen für weibliche und männliche Rollenbilder enger. Dadurch steige der soziale Druck, diesen Normen zu genügen, und es werde schwieriger aus diesen auszubrechen. Die Wahlfreiheit nehme ab und die Vorstellung, Mädchen und Jungen hätten grundlegend unterschiedliche Interessen, nehme zu, was wiederum die Herstellung von Produkten in blau und rosa steigere.

Um der „rosa-hellblauen Falle“ zu entgehen, sei es wichtig, sich als Erwachsene und vor allem als Eltern bewusst zu werden, „was in der Welt an Stereotypen immer wieder reproduziert werden, und zu erkennen, wo die Klischees lauern.“

„Viele der Geschlechter-Stereotypen sind längst von der Wissenschaft als nichtig erklärt worden“, bekräftigt Verlan. Frauen parken demnach nicht schlechter als Männer ein, und die Klischees, dass Männer nicht empathisch und Frauen schlechter in Mathematik sind, wurden längst wiederlegt.

Die anschließende Diskussion mit dem Publikum fiel weniger kontrovers aus, als sich die Vortragenden selbst gewünscht hätten. Es lag womöglich daran, dass unter den Zuschauern im Kulturbahnhof nur diejenigen anwesend waren, welche die „rosa-hellblaue Falle“ längst erkannt haben wollen.

Die nicht wenigen leeren Plätze im Publikumsraum waren wohl dem schlechten Wetter geschuldet.

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