Jülich: Die „Kleinen Hände“ in Jülich helfen Familien in Notlagen

Jülich : Die „Kleinen Hände“ in Jülich helfen Familien in Notlagen

Es ist ein Gewimmel wie auf einem Basar im linken Flugel des Julicher Kulturbahnhofs bei den „Kleinen Handen“. Zwischen wartenden Muttern, die Kleidung fur ihre Kinder aussuchen mochten, und Vatern, die nach Schuhen oder Schultaschen fragen, sieht sich eine Schwangere suchend um. „Womit kann ich Ihnen helfen?“ Die Ansprache kommt wie eine Erlosung.

Diese Falle kennen die „Kleinen Hande“ in Julich seit 30 Jahren. Sie sind im besten Sinne Routine. Junge Frauen, die kurz vor der Entbindung stehen und weder Wiege noch Kinderwagen oder auch nur Wasche fur das Baby haben — von Geld ganz zu schweigen.

Fur die Grundausstattung an Kleidung wird sofort gesorgt. Zuruckgezogen im kleinen Buro nimmt sich der Vorstand der „Kleinen Hande“ Zeit, notiert den Namen und den errechneten Geburtstermin, was Kind und Mutter sonst noch fehlt. Immer ist eine des Vorstands-Quartetts — neben Dorothée Schenk als Vorsitzende, Caterina Tronelli, Nicola Wenzl und Elisabeth Hartmann — ansprechbar, hort den Hilfesuchenden zu, wahrend drei Frauen des 17-kopfigen Ehrenamtlerinnen-Teams der „Kleinen Hande“ an der Theke im Ausgaberaum sich auf Deutsch, Englisch, Franzosisch und mit Handen und Fußen verstandigend.

Im separaten Annahmeraum nimmt die 80-jahrige Christel Dutz karton- und sackeweise Sachspenden entgegen. Und alles passiert unentwegt gleichzeitig. Dreimal zwei Stunden im Monat ist hier zu den Offnungszeiten der Ausnahmezustand Normalzustand.

Seit den Gründertagen 1988 hat sich die Gesellschaft sehr verändert. Im Fokus stehen heute Kinder und deren Familien, die durch Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Trennung in finanzielle Notlagen geraten sind.

Was tun, wenn eine alleinerziehende Mutter weinend im Büro sitzt, weil sie wegen der unerwartet hohen Stromrechnung und anstehenden Reparaturkosten für einen defekten Herd nicht in der Lage ist, den Kühlschrank für ihre drei Kinder zu füllen? Wenn für die Fahrradprüfung das Fahrrad fehlt, kein Geld da ist für das Schulabschlussfest oder so etwas Normales wie eine Feier zum 16. Geburtstag der Tochter?

Die „Kleinen Hände“ helfen unbürokratisch, wenn kein Amt, wenn keine öffentliche Stelle mehr oder noch nicht helfen können. Im Laufe des Jahres nutzen über 400 Familien die „Kleinen Hände“.

Nur wenige können sich vorstellen, wie viele Facetten der Armut es in Deutschland gibt, deren Gesellschaft von Leistungsdenkenden und wachsenden Ansprüchen bestimmt wird. Nicht nur für das Allerlebensnotwendigste sorgen die „Kleinen Hände“, ein wichtiges Ziel des Vereins besteht auch darin, Lebensperspektiven zu schaffen.

Im Jubiläumsjahr wurde eigens ein Projekt namens „Zungenschlag“ in Kooperation mit der VHS initiiert. Zweimal im Monat erhalten Mütter, die der Deutschen Sprache nur rudimentär mächtig sind, Unterricht ausschließlich im Sprechen.

„Ich werde nicht müde zu sagen, dass der Verein ‚Kleine Hände‘ besteht, weil es ein gesellschaftlich-politisches Versagen gibt, das es nicht allen Kindern und Jugendlichen ermöglicht, Anteil am öffentlichen Leben zu nehmen. Es gibt kaum einen Tag, an dem nicht sichtbar wird, wie wichtig es ist, dass es uns gibt“, sagt Dorothée Schenk mit Genugtuung.