Rödingen: Die Jüdische Kultur spiegelt sich in der Sprache

Rödingen: Die Jüdische Kultur spiegelt sich in der Sprache

In fließendem Ostjiddisch begrüßte Dr. Diana Matut die verblüfften Gäste am „Europäischen Tag der jüdischen Kultur“ in der voll besetzten ehemaligen Landsynagoge des LVR-Kulturhauses. Anlass war ihr „kleiner Gang durch die jiddische Sprachgeschichte“ mit dem Titel „Von der Herzallerliebsten, frommen Weibern und König Artus‘ Hof“.

Und siehe da, das Publikum bekam den Zusammenhang „ungefähr mit“, die meisten Zuhörer verstanden aber nicht jedes einzelne Wort. Solchermaßen groß ist laut Referentin auch der Abstand zwischen „Westjiddisch“ (Altjiddisch) und dem modernen Ostjiddisch.

Uni-Dozentin in Halle-Wittenberg

Die Dozentin am Seminar für Jüdische Studien der Universität Halle-Wittenberg widmete sich in erster Linie dem etwa von 1250 bis 1500 gesprochenen Westjiddisch. Es entwickelte sich durch das Aufeinandertreffen von Hebräisch/Aramäisch, Mittel(alt)französisch und Vulgärlatein/frühem Italienisch auf mittelhochdeutsche Dialekte. Westjiddisch war Umgangssprache, zudem waren Epen, Gedichte und Lieder sowie Briefe, medizinische und magische Texte in Jiddisch verfasst.

Hebräisch/Aramäisch war die angesehene Gelehrtensprache, Mittelhochdeutsch diente zur Kommunikation mit der christlichen Gesellschaft.

Weil oft auch Männer die hebräischen Texte des „Tenakh“ (Weisungs- und Schriftenbuch) und Gebete im Original nicht verstanden, gelangte man nach großen Diskussionen mit jüdischen Gelehrten zu der Überzeugung: „Es ist keine Schande, wenn (sogar) ein Mann auch Jiddisch liest. Nur wer nichts kann, ist eine Schande“, wie es zusammengefasst im Nachwort des Gebetbuches „Seyder Tkhines“ heißt.

Mit den unterschiedlichsten Beispielen ansprechend unterlegt, fasste die sympathisch-temperamentvolle Referentin zusammen: „Fast die gesamte europäische Literatur des Mittelalters war in Westjiddisch verfasst. Die Aschkenasim (Juden des deutschsprachigen Raumes) wollten genauso unterhalten werden wie Sie und ich.“

Frauenbibel voller Geschichten

Beispielhaft erwähnenswert sind die sogenannte „Tsene-rene“, eine „mit vielen Geschichten versehene Frauenbibel“ und natürlich „König Artus“, inklusive der christlichen Legende vom Heiligen Gral. Die Sage wurde aus dem Altfranzösischen ins Altitalienische, dann ins Hebräische und bis zum 18. Jahrhundert ins Jiddische übersetzt.

Welche Bedeutung hatten Frauen für die aschkenasische Literatur? „Sie waren enorm wichtig für den Buchmarkt“, denn sie gingen zu den Schreibern und baten um eine Transkription von Buch- oder Liedtexten, von denen sie gehört hatten, ins Jiddische.

„In Westeuropa ging mit Mendelssohn (Begründer des Reformjudentums) das Westjiddische unter, die Juden nahmen die jeweiligen Landessprachen an“, erläuterte Matut. An der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert entwickelte sich unter dem Einfluss slawischer Sprachen das Ostjiddische zur konkurrenzfähigen Literatursprache. Tragisch sei jedoch die Beendigung dieser Literatursprache durch den Holocaust. Lesen Sie, was danach kam“, ermunterte die Referentin.

„Die Brüder Aschkenasi“

„Die Brüder Aschkenasi“ von Israel J. Singer könnten etwa durchaus mit den „Buddenbrooks“ von Thomas Mann gleichgestellt werden. Vor allem bedauert Matut, dass diese zeitlose ostjiddische Literatur „heute nicht mehr auf die Bühne gebracht wird“. Ostjiddisch sei aktuell „eine gefährdete, aber keine tote Sprache. Es gibt Gott sei Dank auch noch eine säkulare Welt, die Jiddisch spricht“, sagte die Referentin. Schöne Beispiele für jüdisches Erbe im deutschen Wortschatz sind etwa „Kaff“ oder „Maloche“.

Ihre musische Seite stellte die Sprachwissenschaftlerin im anschließenden Konzert unter Beweis. Mit dem Gitarristen/Lautenisten Erik Warkenthin brachte sie eindrucksvoll die Bandbreite jiddischer Lieder unter Einfluss anderer europäischer Kulturen zu Gehör. Führungen durch die Ausstellung und durchs jüdische geprägte Dorf waren Bestandteil der interessanten Tagesveranstaltung.

(ptj)