Jülich: „Die Inklusion muss schon im Kindergarten anfangen“

Jülich: „Die Inklusion muss schon im Kindergarten anfangen“

In loser Folge stellen wir Menschen oder Institutionen vor, die „Inklusion“ umsetzen, sich für Inklusion einsetzen oder einen besonderen Erfahrungsschatz im Miteinander haben. Den Anfang macht Petra Steinbusch, Gründerin des Jülicher Vereins „Aktion Lebensfreude“.

„Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass Nichtbehinderte vor Menschen mit Behinderung zurückschrecken“, eröffnet Petra Steinbusch das Gespräch und äußert sich über Berührungsängste. Steinbusch ist Mutter einer 22-jährigen Tochter mit Down-Syndrom. Die Tochter sei ein herzlicher Mensch, gehe offen auf andere zu, habe eine ehrliche Art. Doch häufig überfordere dieses Verhalten ihre Mitmenschen. Die Ursache: „Es fehlt der komplette Erfahrungsschatz im Miteinander zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen“, analysiert Steinbusch. Sie rät: „Die Inklusion muss schon im Kindergarten anfangen.“

Petra Steinbusch beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema. Zum einen in ihrer Rolle als Mutter eines Kindes mit Handicap, zum anderen ist sie Gründerin des Vereins „Aktion Lebensfreude“. Für ihre ehrenamtliche Arbeit und ihr Engagement wurde sie 2008 nach Berlin eingeladen und von Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgezeichnet. Steinbusch sieht nicht nur die Defizite gehandicapter Menschen. Im Gegenteil: ihr Motto lautet, Behinderte mit ihren Stärken und Fähigkeiten zu zeigen. Dazu sei der Abbau von Berührungsängsten wichtig und die positive Wahrnehmung vom Anderssein.

In Jülich hat Steinbusch schon viel bewegt, der Verein organisiert eine monatliche Disco, oder gemeinsame Wochenendausflüge. Mitmachen kann jeder.

Aus Erfahrung weiß sie, dass die Fähigkeiten und Bedürfnisse behinderter Menschen vollkommen unterschiedlich sein können. Auch Kinder mit Down-Syndrom sind nicht alle gleich. Da gebe es riesige Unterschiede, der Intelligenzquotient bewege sich zwischen geistiger Behinderung bis normaler Intelligenz. Die einen können ein Leben lang nur in Zwei-Wort-Sätze sprechen, andere lernen Lesen und Schreiben, sind schnell auf einer Förderschule unterfordert.

Erfahrungsschätze, Begegnungen und ein Miteinander vom Kindergartenalter an helfen, das Anderssein in seiner Vielfalt wahrzunehmen, so sieht es Steinbusch. Da diese Erfahrungen heute noch nicht flächendeckend verbreitet sind, schlägt sie in der Übergangszeit Begegnungen vor, wie regelmäßige Ausflüge der Regelschulen an Orte, in denen Behinderte positive Beiträge zum gesamtgesellschaftlichen Nutzen beitragen.

Konkret könnte das zum Beispiel ein Werkstatt-Besuch in Huchem-Stammeln sein. Von den Schulen der Region, die Inklusion schon umgesetzt haben, wünscht sich Petra Steinbusch einen offenen Austausch in Form einer öffentlichen Diskussion. Inklusion bedeutet für sie: „In jeder Lebenslage das Miteinander erleben“. Sollte dies irgendwann möglich sein, erfüllt sich für sie und ihre Tochter ein Traum.

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